Was ist „Kommunale Wärmeleitplanung“ eigentlich und wann ist sie erfolgreich?
Hinnerk Willenbrink
Diplom-Geograph, FH Münster
Hinnerk Willenbrink ist Forschungsgruppenleiter an der FH Münster und erfüllt zudem einen Lehrauftrag an der TU Dortmund, Fachbereich Raumplanung.
Sein Arbeitsschwerpunkt ist die kommunale Energie- und Wärmenutzungsplanung. Zuvor leitete er die Stadtentwicklung in Greven/Westfalen.
Die vergangenen knapp 1,5 Jahre haben uns schmerzlich unsere Abhängigkeit von fossilen Energiequellen vor Augen geführt, aber auch unsere scheinbare Ohnmacht im Angesicht der – immerhin verfassungsrichterlich gestützten – Mammutaufgabe „Klimaschutz“.
Gastbeitrag von:
Diplom-Geograph, FH Münster
Ein Blick auf die Zahlen der AG Energiebilanzen e.V. verdeutlichen das Dilemma: Die privaten Haushalte und die Wohnungswirtschaft sind für die Beheizung ihrer Wohnungen auf fossiles Erdgas angewiesen – und damit auf Importe.
Vor dem Hintergrund der Ölkrise haben unsere Nachbarn in Dänemark die Grundlagen für eine alternative Wärmeversorgung bereits vor über 40 Jahren mit dem dänischen Wärmeversorgungs-gesetz gelegt. Mittlerweile sind dort zwei von drei Häusern an ein Wärmenetz angeschlossen, es gibt Gebiete, in denen Öl- und Gasheizungen schon lange verboten sind – es lohnt sich also, einmal über die Grenze zu schauen, um kommunale Wärmeplanung „in der Praxis“ zu bewerten.
Auch heute noch sind die Kommunen in Dänemark für die Erstellung und Aktualisierung der kommunalen Wärmepläne und die Genehmigung von Wärmeprojekten zuständig, sodass der Stadtrat die endgültige Entscheidung über die Wärmeplanung und den Ausbau der Wärmeversorgung in der Gemeinde trifft.
Im Juli 2023 hat das Bundeskabinett den Gesetzentwurf für eine kommunale Wärmeplanung in Deutschland beschlossen.
Demnach wird nun auch in Deutschland der Weg für die deutschen Kommunen bereitet, ihre Wärmeplanung in die Hand zu nehmen.
Quelle: FH Münster nach: BMWK (2022): Energieeffizienz in Zahlen, Entwicklung und Trends in Deutschland 2022
AG Energiebilanzen e.V. (2022): Anwendungsbilanzen zur Energiebilanz Deutschland
Die Wahl der Wärmeversorgung
Die beruht in Dänemark per Gesetz auf einer sozioökonomischen Kosten-Nutzen-Analyse. Um die Kommunen bei der Durchführung entsprechender Analysen zu unterstützen, stellt die staatliche dänische Energieagentur Leitlinien und Methoden mit einer Reihe von sozioökonomischen Annahmen zur Verfügung.
Zu diesen Annahmen gehören unter anderem Brennstoffpreise, Strompreise, externe Emissionskosten und Zinssätze. Die Agentur
liefert auch Technologiedaten, die als Referenz verwendet werden können. Dies bildet eine landesweit einheitliche Grundlage für die Bewertung der Wärmeversorgungsmöglichkeiten.
Ein ähnliches Vorgehen wurde auch in Baden-Württemberg gewählt, ein Leitfaden und nutzdienliche Infos und Technikkataloge stellt die Landesagentur KEA-BW zur Verfügung.
Lessons learned
Insgesamt ist festzustellen, dass eine fundierte Wärmewende auf vier Säulen aufbaut: Verbindlichkeit, Transparenz, Flexibilität und Verbraucherschutz.
Im derzeitigen Gesetzgebungsverfahren liegt der Fokus in Deutschland stark auf dem ersten Punkt, der Schaffung der rechtlichen Verbindlichkeit.
Für die lokale Flexibilität ist gesorgt, da die Kommune als Planungsträger fungiert – aber die fachliche Transparenz und der Verbraucherschutz müssen vor Ort und im Rahmen der Planung hervorgehoben bzw. geschaffen werden. Gegebenenfalls schafft der avisierte Bundesleitfaden noch fachliche Klarheit.
Mit dem durch den Ausflug nach Dänemark geschärften Blick werden im Folgenden die Inhalte des Referentenentwurfs betrachtet.
Der sieht im Kern sieben Schritte vor, die je Kommune immer wieder durchlaufen werden. Initial bis zum Jahr 2028, je nach Größe der Kommune, und dann in 5-Jahresschritten für die in § 18 Absatz 3 des Gesetzentwurfes genannten Betrachtungszeitpunkte, das
heißt die Jahre 2030, 2035 und 2040.
Im Wesentlichen geht es darum, Wärmesenken und Wärmequellen gesamtstädtisch zu erfassen und darzustellen und mit technisch strategischen Maßnahmen Klimaneutralität in der Wärmeversorgung herzustellen – bzw. die Verbraucher in die Lage zu versetzen, das im Gebäudeenergiegesetz prominent benannte Ziel von 65 Prozent erneuerbaren Energien im Wärmemarkt erreichen zu können.
Grob gesprochen bedeutet dies die Einteilung des Stadtgebietes in Zonen für den Aus- und Neubau von Nah- und Fernwärmenetzen sowie in Zonen für die individuelle Versorgung mit Wärmepumpen oder sonstigen Individuallösungen. In Einzelfällen mag es Zonen für wasserstoffgebundene Versorgung geben.
Gedanklich spielt die Wärmeplanung damit in die Bereiche „Bauleitplanung“ oder „Flächennutzungsplanung“ hinein. Es handelt sich also um ein Instrument der kommunalen Planung, welches z. B. als städtebauliches Entwicklungskonzept oder als kommunale Satzung beschlossen und damit planungs- bzw. abwägungsrelevant wird. Damit fungiert es als Leitplanke für kommunales Handeln und gibt Politik und Verwaltung den Gestaltungsrahmen für Entscheidungsfindungen.
Damit das auch wirklich gut funktioniert, müssen ein paar Dinge sehr klar sein.
Schlüsselfaktoren der kommunalen Wärmeplanung
1. Wärmeleitplanung ist so individuell wie die
Kommune, die sie aufstellt
Wärmeleitplanung hängt immer vom lokalen Kontext ab und die verschiedenen Gegebenheiten vor Ort müssen zwingend berücksichtigt werden; es gibt also nicht „den einen Plan“ für alle. Diese örtlichen Besonderheiten müssen in einem kooperativen Prozess untersucht und hervorgehoben werden. In diesem Zuge lassen sich die relevanten Akteure bestimmen und die spezifischen Elemente aufzeigen, die die Umsetzung vorantreiben können.
2. Wärmeleitplanung ist nicht nur Fernwärmeplanung
Wärmeleitplanung bedeutet nicht, spezielle Pläne nur für Wärmenetze zu erstellen. Aber Fernwärme kann und wird auch in kleinen und mittleren Kommunen eine bedeutende Versorgungsart sein müssen, um z. B. Potenziale aus Abwärme, Saisonalspeicher, tiefer Geothermie und großflächiger Solarthermie zu heben. Und gleichzeitig sind Wärmenetze ein wichtiger Faktor für die Sektorenkopplung und damit z. B. auch für die Stabilisierung des lokalen Stromnetzes. Daneben wird es andere Arten der Beheizung, wie z. B. individuelle Wärmepumpen, geben müssen – und natürlich müssen die Einspar- und Effizienzpotenziale vor Ort gehoben werden. Wärmeleitplanung ist damit auch gleichzeitig Energienutzungs- und Sanierungsleitplanung.
3. Wärmeleitplanung ist ein Instrument für den Dialog
Während der Aufstellung einer Wärmeleitplanung muss ermittelt und klar dargestellt werden, welche Akteure sich wie und wo in der potenziellen neuen Wärmeversorgung wiederfinden können und welche nicht. Die meisten Beteiligten werden Kompromisse eingehen müssen, und einige – zum Beispiel die Stakeholder der fossilen Energieträger – wird es besonders schwer treffen. Die Ergebnisse werden sich im Laufe der Aufstellung der Pläne an die Ergebnisse der Dialoge anpassen, aber wenn es eine Einigung über den Zweck, die notwendigen Bedingungen und die Ziele gibt, wird es im Ergebnis einen nachhaltigen Zielkorridor geben.
Bedeutsame Akteure sind, neben der Verwaltung als Planungsträger, der lokale Versorger, die Industrie- und Gewerbetreibende und – sehr prominent – die Wohnungswirtschaft. Sie ist als bedeutsamer Abnehmer und Multiplikator wichtig für den Prozess. Gleichzeitig hat sie natürlich großes Interesse an der zukünftigen, sicheren Wärmeversorgung ihres Wohnungsbestandes.
4. Wärmeleitplanung braucht eine klare Basis
Transparenz und Einigkeit über die grundlegenden Annahmen eines Plans sind dringend erforderlich. So können Staats- und Landesbehörden bspw. Daten bereitstellen mit grundlegenden Informationen. Dies kann über Geodaten mit Angaben zu den einzelnen Gebäuden bis hin zu Technik- und Preiskatalogen gehen. Es muss Einigkeit über die Berechnungsmethoden und Annahmen, die Preisprognosen und die zu betrachtende Technik herrschen. Wenn keine Einigung erzielt wurde, besteht die Gefahr, dass im gesamten Prozess nur über Annahmen und nicht über Ergebnisse diskutiert wird. Hier ist besonders der Staat/das Land gefordert, welches die Rahmen für die Wärmeleitplanung vorgibt. In Dänemark veröffentlichen die staatlichen Behörden Technologiepreiskataloge und Energiepreisprognosen, zudem sind die Daten zum Gebäudebestand frei verfügbar. Dies garantiert einen gemeinsamen Bezugspunkt.
Fazit und Ausblick
Zusammenfassend ist die kommunale Wärmeplanung eine große Chance für Kommunen, aber vor allem auch für die Wohnungswirtschaft. Die im Zuge der Erstellung zusammengestellten Daten können – und sollten – insgesamt eine nachhaltige datenbasierte Stadtentwicklung befördern. Dies geschieht vor allem im Dreiklang zwischen Verwaltung, Versorger und wichtigen Ankerakteuren.
Damit ist die kommunale Wärmeplanung der ideale Startpunkt für den Aufbau eines digitalen Zwillings, mit all seinen wünschenswerten und von vielen Kommunen angestrebten Vorzügen.
Der Endenergiebedarf der privaten Haushalte in Deutschland wird größtenteils noch aus fossilen Quellen gespeist.
Ähnliche Artikel
- Das Thema
Klimapfad in den Bankrott?
Immer mehr Wohnungsunternehmen erstellen CO2-Rechnungen und Klimastrategien, um ihren Gebäudebestand klimaneutral zu gestalten – und stellen dabei fest: Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist das wirtschaftlich nicht darstellbar. Was tun? In ihrer Studie „Aufbruch Klimaneutralität“ hielt die Deutsche Energieagentur (dena) schon 2021 fest, dass jedes Jahr etwa 1,9 Prozent aller Gebäude in Deutschland energetisch saniert werden müssten, um bis 2045 Klimaneutralität erreichen zu können. Für 2024 hat der Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle eine Sanierungsquote von 0,7 Prozent errechnet, gemessen an dem Ziel also eine deutlich zu geringe. Und das hat Gründe. Forschende der Initiative „Praxispfad CO₂-Reduktion im Gebäudesektor“ gehen davon aus, dass unter den heutigen regulatorischen Bedingungen 260 Milliarden Euro jährlich notwendig sind, um alleine die Wohngebäude klimaneutral zu gestalten. Insgesamt ist von 5,2 Billionen Euro die Rede. Aktuell zeichnet sich für jedes einzelne Wohnungsunternehmen und jede einzelne Wohnungsgenossenschaft ab, was das heißt. Der VdW Rheinland Westfalen hat in den vergangenen Jahren eine Beratung zur Klimaneutralität aufgebaut und bietet Wohnungsunternehmen und -genossenschaften mit seinem CO2-Monitoring-Tool die Berechnung des Kohlendioxid-Ausstoßes des eigenen Gebäudebestands an. Aufbauend auf diesen Zahlen können anschließend Klimastrategien abgeleitet und festgelegt werden, wann welches Gebäude in welchem Umfang energetisch saniert wird. Dr. Daniel Ranker, Prüfungsdirektor des VdW Rheinland Westfalen, hat daher einen guten Einblick in die konkreten betriebswirtschaftlichen Auswirkungen der Klimastrategien. „Für viele Unternehmen ist das Ziel eines klimaneutralen Immobilienbestandes jedenfalls bis 2045 kaum zu erreichen. Wer seinen sozialen Auftrag ernst nimmt, die Mieten also bezahlbar halten möchte, müsste bei einem Teil der energetischen Sanierungen Geld zuschießen. Das geht eine Zeitlang gut, auf die Dauer gerät ein Unte
- Unterwegs
Unterwegs auf dem Klimapfad
Der Klimapfad ist auf dem Papier klar definiert – in der Praxis stellt er Wohnungsunternehmen und -genossenschaften vor komplexe Herausforderungen. Prüfungsdirektor Dr. Daniel Ranker und sein Nachhaltigkeitsteam begleiten zahlreiche Mitglieder auf ihrem Weg zur Klimaneutralität und beraten sie bei strategischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen. Bei zwei Genossenschaften, die Dr. Ranker vor kurzem besuchte, wurde deutlich, was das konkret bedeutet: hohe Investitionen, langfristige Finanzierungsfragen – und die zentrale Herausforderung, Klimaschutz und bezahlbare Mieten miteinander zu vereinbaren. Es ist still unterm Dach, nur ein leises Surren ist zu hören. Wo früher massive Gaskessel standen, arbeiten heute neue Aggregate, sauber verkabelt, digital überwacht. Für die Mettmanner Bauverein eG beginnt der Klimapfad mit solchen Momenten: Wenn alte Technik verschwindet – und mit ihr ein Stück Vergangenheit. Ganz vergessen machen konnte die Genossenschaft ihre Geschichte an der Magdeburger Straße jedoch nicht. Und wollte sie auch nicht: Heute sorgt eine hocheffiziente Wärmepumpe an selber Stelle für die Wärmeversorgung – an jenem Ort, wo Mieterinnen und Mieter, früher wie heute, im Dachstuhl die Wäscheleinen spannen. „Gebaut wurde hier Mitte der 1960er Jahre“, erzählt Vorstandssprecher Thomas Gundlach Dr. Daniel Ranker. „Hängende Gasthermen unterm Dach waren damals keine Seltenheit. Sie sahen aus wie viele größere Etagenheizungen. Die Gasleitungen wurden beim Nachrüsten durch die alten Schächte geführt.“ Gas galt zu dieser Zeit als moderne und platzsparende Alternative zur Kohle. Ein separater Lagerraum für Brennstoffe war nicht mehr nötig, der Schornstein konnte kompakter ausgeführt werden. In vielen älteren Häusern wurde die Kohleheizung in diesen Jahren ebenfalls durch Gas ersetzt. Die Wärmepumpe arbeitet mit einem 1.000 Liter Speicher. Sie entzieht der Luft Wärme und erzeugt Warmwasser. Bei Extremkälte springt eine elektrische Zusatzheizung an. Mit rund 2.100 Wo
- Beispielhaft
Vom Heizungskeller zur Zukunftsstrategie
Klimaneutralität bis 2045 klingt erst einmal nach politischen Visionen, nach ferner Zukunft und nach großen Zahlen. In der Praxis beginnt sie jedoch ganz konkret: mit einer Excel-Datei. Für Wohnungsunternehmen und -genossenschaften ist sie längst im Alltag angekommen: im Heizungskeller, in der Investitionsplanung, in Gesprächen mit Banken, Wirtschaftspartnern, Förderstellen und nicht zuletzt mit Mieterinnen und Mietern. Der Klimapfad hilft, aus einem komplexen Geflecht eine nachvollziehbare Strategie zu machen. Um das Ziel des klimaneutralen Wohnens umzusetzen, stellen Wohnungsunternehmen und -genossenschaften betriebswirtschaftliche Klimapfade auf. „Ein Klimapfad ist kein Maßnahmenkatalog und keine Ideallösung von der Stange, sondern eine langfristige Übersetzung der Frage: Wie entwickeln sich unsere Emissionen, wie können wir sie beeinflussen – und was bedeutet das wirtschaftlich?“, erläutert Elisabeth Lechaudel, Beraterin für Klimaneutralität und Nachhaltigkeit beim VdW Rheinland Westfalen. Der Prozess startet meist unspektakulär. Ein Wohnungsunternehmen meldet sich beim Verband mit dem Anliegen, seine Umweltauswirkungen mithilfe einer Bilanz der Treibhausgase (THG-Bilanz) zu messen.
- Aussenansicht
Mut zur Lücke
Der Weg zur CO2-Null ist ein Wettlauf gegen Zeit und Geld. Für die meisten sozial orientierten Wohnungsunternehmen lässt sich die finanzielle Lücke selbst mit einem Umschwenken auf den CO2-Praxispfad nicht schließen, jedoch immerhin verkleinern. Das Benchmarking der Initiative Wohnen.2050 (IW.2050) umfasst neben vielen Daten zu Klimaschutz und Energie auch eine stetig wachsende Zahl betriebswirtschaftlicher Daten. Seit 2025 im besonderen Fokus der Erhebungen: die Finanzierbarkeit der Klimaneutralität. Wie lassen sich die Klimaziele realisieren – ohne dass sozial orientierte Wohnungsunternehmen wirtschaftlich in eine absolute Schieflage geraten? Das Umfeld für die Unternehmen ist komplex. Der Zielkonflikt zwischen bezahlbaren Mieten, Ökologie und Wirtschaftlichkeit verschärft sich. Besonders das wirtschaftliche Umfeld der Wohnungsunternehmen bleibt – mit Blick auf Zinsen, Baukosten, Bürokratie und ordnungspolitische Eingriffe – sehr herausfordernd. Die Bezahlbarkeit der Mieten und der Erhalt der finanziellen Stabilität im Kontext der Umsetzung von Klimastrategien werden intensiv und kontrovers diskutiert.