Das Bauen mit gebrauchten Materialien zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Es könnte alles so einfach sein: Die Bauherrin bzw. der Bauherr geht in den Laden um die Ecke und kauft alte Türen, Waschbecken, Treppen oder Fliesen, um sie in ihrem Neubau wiederzuverwenden. Nun, um die Ecke befindet sich der Laden noch nicht, mehr als ein Klick ist er aber auch nicht entfernt. Denn einige Anbieter bieten inzwischen gebrauchte Bauteile zur Wiederverwendung an. Gleichzeitig werden mehr und mehr recycelte Gesteine angeboten, um daraus etwa Recyclingbeton herzustellen, bereits einmal verbautes Material wird also auch hier wiederverwendet. Gewissermaßen Bauen Second Hand.
Warum aber sollten Bautätige überhaupt gebrauchte Ware einsetzen? Um sich die Notwendigkeit der Wiederverwendung von Baumaterialien klarzumachen, hilft ein Blick in die Statistik: 53,9 Prozent der Abfälle in Deutschland im Jahr 2021 waren laut Statistischem Bundesamt dem Bausektor zuzuordnen, insgesamt 221,9 Millionen Tonnen. Dabei verursacht jeder Abfall Kosten, wenn er beispielsweise entsorgt und vielleicht irgendwo auf einer Deponie abgelagert werden muss.
Handelt es sich bei dem Abfall um Beton, bleibt zu konstatieren: Sand, der für die Betonherstellung benötigt wird, wächst nicht nach. Man kann nicht beliebig viel von ihm herstellen. Es handelt sich also um eine endliche Ressource, mit der man sparsam umgehen sollte. Auch um das Landschaftsbild nicht allzu sehr zu beeinträchtigen. Bleibt Abfall, ob nun Gestein oder Tür, ungenutzt, bedeutet er zudem auch Verschwendung, weil es sich ja um Material handelt, das einmal gewonnen beziehungsweise unter dem Einsatz von Energie und dem Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) produziert worden ist. Laut Internationaler Energieagentur gehen 38 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstoßes auf den Bau und die Nutzung von Gebäuden zurück. Acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen werden allein durch die Zementherstellung verursacht. Wenn die Bauteile und -stoffe wiederverwendet werden, muss kein neues CO2 ausgestoßen werden, um neues Material zu produzieren.
Beim Bau neuer Gebäude sollte unter dieser Prämisse darauf geachtet werden, dass sie am Ende ihres Lebenszyklus möglichst einfach demontiert werden können, damit die Baustoffe getrennt und wiederverwendet werden können. Die anstrebenswerte Aufgabe besteht darin, die Stoff- und Materialkreisläufe zu erhalten, um ein echtes Recycling ermöglichen zu können, also das Material für exakt denselben Einsatzzweck zu nutzen. Oft ist immerhin noch eine Kaskadennutzung möglich, also der Einsatz des Baustoffes in einer weniger wertigen Form, beispielsweise wenn ein tragendes Holzteil irgendwann einmal als Span in einer Bauplatte endet. Der gängige Begriff dafür ist Downcycling.
Die Wiederverwendung zielt auf die Vermeidung von CO2 und den Schutz der natürlichen Ressourcen ab.
Praktische Stolpersteine
Die Wiederverwendung zielt also auf die Vermeidung von CO2-Ausstoß und den Schutz der natürlichen Ressourcen ab. Soweit der Anspruch in der Theorie. In der Praxis bieten sich Bauherrinnen und Bauherren aber vielerlei Probleme und Stolpersteine.
Zum einen ist die Wiederaufbereitung ein kostenintensiver Prozess, zum anderen müssen Bauteile laut Landesbauordnungen eine Produktzulassung haben und eingebaut werden können. Alte Bauteile müssen also erst einmal zertifiziert werden, und eine geltende Norm zum Wiedereinbau gibt es derzeit noch nicht. Abgesehen davon verwehren nicht selten energetische Vorschriften den Einbau beispielsweise von alten Fenstern, weil diese zu viel Wärme nach außen dringen lassen.
Zusätzlich enthält ein recyceltes Produkt häufig nur einen Anteil an Rezyklat, große Teile der Gesamtzusammensetzung bestehen weiterhin aus neuen Rohstoffen. Produkte, die zu 100 Prozent aus Rezyklat bestehen, sind äußerst selten vorzufinden und auch dann muss noch geprüft werden, ob dieses Produkt eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung besitzt.
So wird zwar viel über zirkuläres Bauen gesprochen und geforscht, in der Praxis ist dieses Prinzip aber noch nicht allzu weit verbreitet. Das liegt auch daran, dass noch bei Weitem nicht alle Planungs- und Architekturbüros sich das Thema zu eigen gemacht haben. Und damit fehlt auch die breite Erfahrung mit den Materialien, die von einem Unternehmen an das andere weitergegeben werden könnte. Deshalb spielt zirkuläres Bauen momentan mehr auf Konferenzen als auf realen Baustellen eine Rolle.
Kosten Haupthemmnis?
Da es ein kostenintensives Geschäft zu sein scheint, gebrauchte Waren einzubauen, wird häufig darauf verzichtet. Das Kostenargument aber möchte etwa Petra Riegler-Floors, Professorin für Zirkuläres Bauen an der Hochschule Trier, nicht ohne Weiteres gelten lassen. Im Interview mit „thema“ sagt sie, beim Bau würde zu stark auf die Errichtungskosten geschaut – und zu wenig auf die während des Betriebs und bei bzw. nach Abriss des Gebäudes. Die Entsorgung der Materialien etwa müsse eingepreist werden.
Das Interview mit Prof. Riegler-Floors ist ein zentraler Bestandteil dieser Ausgabe. Ein weiterer ist unsere Reportage von einem Recycling- Hof, wo ehemalige Häuser bzw. deren Gesteinsmaterial so aufbereitet werden, dass sie als Recyclinganteil in neuem Beton eingesetzt werden können.
Momentan sehen Bauherrinnen und Bauherren eher einen Stolperstein nach dem anderen auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft im Bau. Doch die praxisnahen Ansätze gibt es auch. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme.
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