Die Lehren
der Flut
Zweieinhalb Jahre nach der Flutkatastrophe denkt man an der Ahr anders über das Bauen im Hochwassergebiet und den normalerweise kleinen Fluss, der 2021 in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 136 Menschen in den Tod riss. Ein Besuch in einer Region, die die Kraft des Wassers zu spüren bekam und nun beim Wiederaufbau das Wasser beim Bauen und Planen mitdenken muss.
Dr. Lea Heidbreder stützt sich an das Geländer eines Aussichtspunkts in den Weinbergen oberhalb des kleinen Örtchens Dernau und schaut nachdenklich auf die Ahr. Die Sonne gleißt über dem kleinen, dahinplätschernden Fluss. „Es ist kaum zu glauben, welch zerstörerische Kraft dieser Fluss haben kann“, sagt die ehemalige Vorsitzende der Enquetekommission „Konsequenzen aus der Flutkatastrophe“ des rheinland-pfälzischen Landtags, deren Abschlussbericht im November 2023 veröffentlicht wurde. Wir treffen uns, um genau das zu diskutieren: Welche Lehren wurden aus der verheerenden Flut gezogen?
71 Zentimeter weist der Pegel der Ahr an diesem sonnigen Februarmorgen aus, wie ein Blick auf die Internetseite des Landesumweltamts verrät. Am 14. Juli 2021 war er innerhalb weniger Stunden auf mindestens 5,75 Meter gestiegen – bei dieser Höhe wurde die Messstation in Altenahr von den Fluten mitgerissen. An einer engen Stelle des von steilen Schieferfelsen geformten Tals fahren wir an einer Vinothek vorbei, der Winzer hat eine Markierung knapp unterhalb des Daches angebracht: 9,24 Meter.
Der reißende Strom brachte 136 Menschen den Tod, 17.000 raubte er das Zuhause.
Der reißende Strom brachte 136 Menschen den Tod, 17.000 raubte er das Zuhause.
Etwa zweieinhalb Jahre später prägen Bauzäune, Baugerüste und Bagger das Bild der kleinen Ortschaften. „In mir herrscht ein Baustellengefühl“, sagt Lea Heidbreder auf der Fahrt. Milliarden werden in das Tal investiert, um es wiederaufzubauen. Straßen, Bahnstrecken, Brücken, Häuser werden wiederhergestellt – aber einfach so, wie sie vor der Flut ausgesehen haben? Einfach dort, wo sie vor der Flut gestanden haben?
„Es ist eine ganz klare Lehre, dass wir anders mit den Flächen umgehen müssen. Das Wasser muss stärker vor Ort versickern. Ganz gleich, ob das im Wald, auf landwirtschaftlichen Flächen oder im Dorf oder der Stadt ist“, erklärt die Landtagsabgeordnete. Es komme darauf an, Extremwetterereignisse künftig besser mitzudenken. Planungsgrundlage sei derzeit das sogenannte „HQ 100“ – also ein Hochwasser, wie es statistisch gesehen einmal alle 100 Jahre vorkommt. Das Problem: Die bisherige Statistik berücksichtigt den Klimawandel nicht. Das HQ 100 wird in Zukunft wohl deutlich öfter auftreten als alle 100 Jahre. Die Enquetekommission hat deshalb empfohlen, einen Klimapuffer zu dem HQ 100 hinzuzurechnen. Das hätte unter anderem Auswirkungen auf die Flächen, die überhaupt für den Bau von Häusern infrage kommen, aber auch auf die Grundstücksfläche, die versiegelt werden darf, auf den einzuhaltenden Abstand zwischen Gebäuden und auf den technischen Hochwasserschutz an Gebäuden.
Auch Bestand wird überschwemmt
Ist ein Gebiet im Flächenentwicklungsplan als Überschwemmungsgebiet definiert, darf nur mit Ausnahmegenehmigung dort gebaut werden. Nach aktuellem Rechtsstand gilt das aber nur für Neubauten, in bestehenden Baugebieten darf – auch wenn sie jetzt als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen werden – weiterhin nachverdichtet und angebaut werden. Damit sich das ändert, müsste der Bund das Wasserhaushaltsgesetz ändern. „Eine entsprechende Empfehlung haben wir an die Bund-Länder-Arbeitsgruppe weitergegeben, die sich damit befasst“, berichtet Lea Heidbreder.
Die Landtagsabgeordnete führt uns nach Rech, wo vor einem Jahr die denkmalgeschützte Nepomukbrücke abgebrochen wurde. Knapp 300 Jahre prägte die Steinbogenbrücke aus dem regionaltypischen Schiefer das Ortsbild. Mit ihr wurde ein Stück Romantik, ein Stück Heimat abgerissen. Für viele Menschen in der Region war das emotional nur schwer zu verkraften. Warum konnte man die liebgewordene Brücke nicht einfach wieder restaurieren, wie sie war?
„Die Brücken an der Ahr haben maßgeblich dazu beigetragen, dass das Hochwasser 2021 mehr Schäden hinterlassen hat als in den früheren Jahren“, erklärt Heidbreder.
Wir stehen auf einem geschotterten Parkplatz am Ufer in der Sonne, früher war hier der Zugang zur Brücke. Gegenüber zeugt nur noch ein Stumpf von dem Bauwerk, das über Jahrhunderte die zwei Ortsteile Rechs miteinander verband. Etwas weiter flussabwärts hat eine Behelfsbrücke nun diese Funktion übernommen.
„In der Flutnacht haben sich Wohnwagen, Hausteile und anderes Treibgut in den schmalen Bögen der Brücken verfangen, das Wasser weiter gestaut und so zu heftigeren Schäden geführt“, sagt die Landtagsabgeordnete. Eine neue Brücke soll jetzt ein paar Hundert Meter weiter errichtet werden, wo das Flussbett breiter ist.
Die Brücken an der Ahr haben maßgeblich dazu beigetragen, dass das Hochwasser 2021 mehr Schäden hinterlassen hat als in den früheren Jahren.
Im Langfigtal
Schon Anfang des 19. und des 20. Jahrhunderts hat es extreme Hochwasser an der Ahr gegeben, 1804 und 1910. Damals aber war es noch nicht so stark besiedelt und bebaut gewesen. „Wir müssen dem Fluss seinen Raum geben“, so Heidbreder.
Was das bedeutet, zeigt sie eine halbe Stunde später auf einem kurzen Spaziergang im Naturschutzgebiet Langfigtal, ein paar Ahrschleifen flussabwärts. Die bewaldeten Hügel werfen ihre Schatten ins Tal, der starke Wind reibt das Wasser des Flusses auf. Vier Häuser stehen hier, darunter ein altes Vereinslokal, das nach der Flut offenbar nicht mehr genutzt wird, und eine Jugendherberge, die auf absehbare Zeit nicht mehr geöffnet wird. Ein Haus scheint aber noch bewohnt.
Klar ist jedoch: Wenn dem Fluss Raum gegeben werden soll, dann vor allem hier. Der Teil des befestigten Uferwegs, den der Fluss weggerissen hat, wird nicht mehr aufgebaut werden. Seit Ende 2022 wird das Gebiet der Natur überlassen. Arbeiten finden hier, wenn überhaupt, nur statt, um den Boden aufzulockern, den das schwere Gerät beim Entfernen des Unrats nach der Flut verdichtet hat. „Hier werden Hochwasserschutz und Ökologie zusammengedacht“, sagt Lea Heidbreder. „Wir brauchen mehr solcher Flächen.“
Beispielsweise durch Renaturierung einstmals begradigter Flussverläufe. Denn die Katastrophe im Ahrtal hat auch gezeigt: Wenn dem Fluss nicht der Raum gegeben wird, dann nimmt er ihn sich selbst. „Die Ahr hat sich mit der Flut teilweise ihr Flussbett von vor mehr als hundert Jahren zurückgeholt“, sagt Heidbreder.
Der Landtagsabgeordneten ist klar: Wer dem Fluss Raum gibt, nimmt ihn dem Menschen (zum Bauen). „Die Flächenkonkurrenz wird zunehmen“, sagt sie auf dem Weg zurück zum Auto. „Doch wir kommen nicht daran vorbei: Wir müssen Wasser in den Planungen immer mitdenken.“
Hochwassersichere Häuser
Dieser Satz gilt allerdings nicht nur für Flächenausweisungen, sondern auch für den Bau von Häusern selbst – dem sogenannten Objektschutz. In einem hochwassergefährdeten Gebiet umso mehr. Wer sich mit der Architektur hochwassersicherer Häuser auskennt, ist Julia Holzemer-Thabor, im Vorstand der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord beschäftigt. Das zweite Treffen an diesem Tag.
Wir halten mit dem Auto am Rande eines Baugebiets aus den 60er-Jahren in Altenburg, das in einer Senke liegt.
Julia Holzemer-Thabor zeigt auf ein Haus, durch dessen Balkontür man eine Wand erkennt, von der Fliesen abgeschlagen wurden. Im ersten Stock. „Bis dort oben muss das Wasser während der Flut gestanden haben“, sagt sie. Einige Bewohnerinnen und Bewohner des Gebiets hatten sich in der Flutnacht auf die Dächer gerettet und auf Hubschrauber gehofft.
Heute hört man Bohrmaschinen und Hämmer. Häuser werden saniert, einige Neubauten entstehen. Ein kurz vor der Fertigstellung stehendes Gebäude sieht aus wie auf Stelzen. Es ist in den Hang gebaut, der Hauseingang befindet sich im ersten Stock, das Erdgeschoss ist zu weiten Teilen ein Carport. Für Autos gedacht – oder für das Wasser, wenn es wiederkommt.
Ausweichen, anpassen, widerstehen
Julia Holzemer-Thabor erklärt: „Diese Strategie nennt man Ausweichen. Das Haus weicht dem Wasser gewissermaßen aus.“ Das eigentliche Haus beginnt dort, wo das Hochwasser statistisch höchstens alle 100 Jahre hinkommt („HQ 100“), oder darüber. Das gilt auch für die Haustechnik. Die Autos versinken notfalls in den Fluten. Doch Leib und Leben sind geschützt und die Schäden ansonsten gering.
Die zweite Strategie hochwasserangepassten Bauens ist das Anpassen. Statt das Gebäude vom Wasser fernzuhalten, lässt man das Hochwasser in das Gebäude fließen. Das Erdgeschoss ist dann mit wasserbeständigen Materialien ausgestattet, deckenhohen Fliesen etwa. Nachdem Wasser abgeflossen ist, wird alles mit einem Hochdruckreiniger gesäubert. Auch hier befinden sich die technischen Anlagen nicht im hochwassergefährdeten Bereich. Diese Strategie bietet sich für den Gebäudebestand an.
Strategie drei: Widerstehen. Das Ziel ist hierbei, dass kein Wasser in das Gebäude eindringt und auch keine Schäden hinterlässt. „Das bedeutet aber, dass ich mein Haus komplett abschotten muss, nicht nur Türen und Fenster, auch über die Kanalisation und über das Grundwasser darf kein Wasser hineingelangen. Zum Beispiel dank ‚weißer Wannen‘. Das ist richtig teuer“, berichtet die Architektin. Zu wenige Geschosse sollte das abgeschottete Gebäude indes auch nicht haben – sonst hat es nicht genug Eigengewicht, um sich dem Auftrieb durch das Wasser zu widersetzen.
Hochwassersichere Betonklötze sind allerdings nicht das Ziel von Julia Holzemer-Thabor. Sie plädiert gerade im Ahrtal dafür, dass die regionale Baukultur eingehalten wird. „Baukultur macht etwas mit uns Menschen, sie schafft Identität“, sagt sie. Gerade das vom Tourismus lebende Ahrtal ist darauf angewiesen, dass die wiederaufgebauten oder sanierten Häuser möglichst regionaltypisch aussehen. Deshalb fahren wir nach Ahrbrück.
„Schauen Sie mal auf die Kirche und das Pfarrhaus am anderen Ufer“, sagt sie. „Die Gebäude verschwinden beinahe vor dem dahinter liegenden Berg.“ Der Grund: sowohl Berg als auch Gebäude sind aus demselben Gestein: Grauwacke. „Das ist Teil der Baukultur: regionale Materialien verwenden“, erklärt Holzemer-Thabor. Doch es zählt noch mehr dazu. Typisch für das Ahrtal ist das sogenannte Eifel-Haus: ein spitzes Satteldach ohne Dachüberstand, im Grundriss ein Breiten-Längen-Verhältnis von eins zu zwei, stehende Fenster (also höher als breit), Türen und Fenster passen materiell und in Farbe zur Fassade. Oft ist Fachwerk zu sehen.
Die Verbandsgemeinde Altenahr hat eine Ideensammlung zur hochwasserresilienten Baukultur erarbeitet. Die SGD Nord hat auf Veranstaltungen für die Umsetzung geworben. Gerade aber, was den historischen Gebäudebestand angeht, muss die Architektin zugeben, dass die Möglichkeiten begrenzt sind: „Wenn einmal Holz verbaut ist, in einem Fachwerkhaus zum Beispiel, dann wird das bei Hochwasser auch nass werden. Damit muss man leben. Die Technik in die oberen Stockwerke integrieren, die Erdgeschosse möglichst wasserresistent ausstatten. Mehr ist kaum möglich.“
Und im Neubau wird die hochwasserresiliente Baukultur kaum beachtet. In Ahrbrück aber werden wir schließlich doch noch fündig: ein Ersatzneubau, der das eifelhaustypische Seitenverhältnis aufgreift mit kurzem Dachüberstand und einem Erdgeschoss, das sichtlich darauf ausgelegt ist, dass Wasser hindurchfließen kann. „Ein sehr schönes Beispiel“, meint Julia Holzemer-Thabor.
Am Ende des Tages – nach Treffen mit zwei Expertinnen – steht die Erkenntnis, dass jegliche Planung, jeglicher Hochwasserschutz immer auf eine bestimmte Hochwasserhöhe ausgelegt ist: beispielsweise „HQ 100“ oder „HQ 100 plus Klimapuffer“. Steigt das Wasser darüber, bleiben die Schäden groß. Vor einem extremen Wetterereignis wie in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Doch ein Blick auf die behördlichen Gefahrenkarten, auch wenn man glaubt, mit Hochwasser nichts zu tun zu haben, schadet auf keinen Fall.
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