Werkzeugkoffer für den Sozialraum entwickelt
Wie können mehr Menschen bis an ihr Lebensende in ihrem gewohnten Wohnquartier leben? Mit dieser Frage hat sich der Strategieprozess „Sozialräume stärken“ des rheinland-pfälzischen Sozialministeriums beschäftigt, an dem sich die sozial orientierte Wohnungswirtschaft beteiligt hat. Auf dem Abschlusskongress in Mainz wurde nun am 7. Mai 2025 ein „Werkzeugkoffer“ vorgestellt, in dem zahlreiche Maßnahmen dazu dargestellt werden. Gleichzeitig kündigte das Sozialministerium eine zentrale Anlaufstelle beim Land und ein neues Förderprogramm an. Perspektivisch soll zudem die Pflegestrukturplanung in Richtung Sozialraumplanung entwickelt werden.
„Dies mag eine Abschlussveranstaltung sein, aber im Grunde geht es jetzt erst richtig los.“
– Joachim Speicher, Sozialministerium RLP
Grob kann man einen Sozialraum als die Orte verstehen, an denen Menschen zusammenkommen, Orte, an denen ehrenamtlich oder professionell Hilfe geleistet und an denen die Menschen bekommen, was sie zum Leben benötigen. Zwei Jahre lang hatten zahlreiche Fachleute von Pflegedienstleistern, Kommunen, Projektträgern, aus Ministerien, Wohnungswirtschaft, Forschung und der Zivilgesellschaft in Workshops und auf Versammlungen ihre Vorschläge und Erfahrungen eingebracht, wie solche Sozialräume gestärkt werden können. Ehrenamtliche und professionelle Hilfe sollen so ineinandergreifen, dass auch Menschen, die gepflegt werden müssen, öfter im heimischen Umfeld weiterwohnen können.
In die Fläche tragen
Eine Möglichkeit, wie Menschen selbst bei Pflegebedürftigkeit in ihren Wohnquartieren leben können, sind Pflege-Wohngemeinschaften, wie sie einige sozial orientierte Wohnungsunternehmen umsetzen, beispielsweise von der gbt Wohnungsbau und Treuhand AG im rheinland-pfälzischen Hetzerath. Das Beispiel wurde auch auf dem Abschlusskongress thematisiert und war Teil einer Ausstellung.
Werkzeugkoffer und Abschlussbericht
Förderprogramme, Praxisprojekte, Handlungsempfehlungen haben Eingang in den Werkzeugkoffer gefunden unter https://mastd.rlp.de/themen/soziales/gut-leben-im-alter/daheim-und-mittendrin-lokaler-werkzeugkasten. Dort ist auch ein Link zum Abschlussbericht verzeichnet.
Infos zum neuen Förderprogramm gibt es unter https://mastd.rlp.de/themen/soziales/gut-leben-im-alter/foerderprogramm-123-124-sgb-11.
Um derartige Konzepte in die Fläche zu tragen, hat das Sozialministerium als ein Ergebnis des Strategieprozesses einen digitalen „Werkzeugkoffer“ zusammengestellt. Dort werden bereits vorhandene Projekte vorgestellt. Die Sammlung richtet sich an interessierte Bürgerinnen und Bürger, die Wohnungswirtschaft, Kommunen und soziale Projekträger. Bekannt gemacht werden soll das Angebot auch über eine neue Kampagne mit dem Titel „Daheim und Mittendrin“.
In seiner Rede stellte Joachim Speicher, Leiter der Abteilung Soziales im Ministerium, ein neues Förderprogramm vor, das Modellvorhaben für Unterstützungsmaßnahmen und -strukturen vor Ort und im Quartier finanziell unterstützen soll. Ebenfalls geplant ist eine zentrale Beratungsstelle für Bürgerinnen und Bürger, wenn es darum geht, Projekte fürs Altwerden im eigenen Quartier bzw. Dorf zu initiieren. Sie wird beim Landesamt
für Soziales, Jugend und Versorgung Rheinland-Pfalz eingerichtet werden. Die Prozesse der Pflegestrukturplanung, so deutete Speicher an, könne perspektivisch ausgebaut werden, sodass sie den gesamten Sozialraum in den Blick nähmen. „Dies mag heute eine Abschlussveranstaltung sein, aber im Grunde geht es jetzt erst richtig los“, sagte Speicher.
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