„Weil Demenz jeden Tag anders ist“
Nach dem Frühstück beginnt für die Bewohnerinnen und Bewohner einer besonderen Wohngemeinschaft in Hattingen das Gedächtnistraining. Denn die älteren Damen und Herren leiden an Demenz. Auch ihnen ein Zuhause zu bieten, stellte die hwg eG in Hattingen vor einige Herausforderungen.
Fatma Kebir steht in der Mitte des Wohnzimmers. „Was ist rund, fliegt durch die Luft und wird mit dem Fuß getreten?“, fragt sie und hält ein laminiertes Kärtchen in die Höhe. Vor ihr sitzen acht ältere Menschen, verteilt um den großen Holztisch der Wohnküche.
Herr R. blinzelt. Frau S. formt zögerlich eine Kugel mit den Händen. „Ein Ball!“, ruft sie schließlich. Ein Lächeln huscht über das Gesicht von Fatma Kebir. „Richtig, ein Ball! Sehr gut.“ Sie legt der älteren Dame sanft die Hand aufs Knie.
Wenig später tritt Rebecca Wehnert, die zweite Pflegekraft im Dienst, aus einem Bewohnerzimmer in die Wohnküche hinzu. Kurze, dunkle Haare, ruhige Stimme, ein Blick, der genau beobachtet, ohne zu drängen. Seit etwas mehr als einem Jahr arbeitet die Krankenpflegehelferin hier in der Demenz-WG der Wohnungsgenossenschaft hwg im Hattinger Stadtteil Holthausen, die 2021 eröffnet wurde.
Aus der offenen Küche dringt Kaffeeduft herüber, eine Maschine rattert. Auf der Arbeitsfläche steht ein Tablett mit frisch geschnittenem Obst. Auf dem Herd köchelt ein kleiner Topf vor sich hin – die Vorbereitung für das Mittagessen läuft bereits. Neben dem Kühlschrank hängt eine Kinderzeichnung – ein Geschenk aus der Kita im Erdgeschoss.
Acht Bewohnerinnen und Bewohner leben in dieser Etage, acht weitere in der WG oben drüber. Sie alle haben ihr eigenes Zimmer, bringen Möbel und Erinnerungen mit. Die Türen stehen offen, Stimmen hallen durch die große Wohnküche.
Damit diese Wohnform möglich ist, müssen klare rechtliche Vorgaben eingehalten werden.
Immer mehr Demente
Mehr als 1,8 Millionen Menschen in Deutschland sind an Demenz erkrankt. Die demografische Entwicklung lässt vermuten, dass es in Zukunft mehr sein werden. Auch diese Menschen wollen, solange es geht, zu Hause wohnen bleiben. Und das sind diese acht Menschen hier bei der hwg: zu Hause. Die Genossenschaft hat die Räume an den sozialen Träger vermietet.
Damit diese Wohnform möglich ist, müssen klare rechtliche Vorgaben eingehalten werden. In Nordrhein-Westfalen gelten ambulant betreute Wohngemeinschaften wie diese nicht als Einrichtungen im Sinne des Wohn- und Teilhabegesetzes (WTG), solange Wohnen und Pflege strikt getrennt bleiben. Deshalb vermietet die hwg das Gebäude vollständig an den Träger MaxiPflege, der als Hauptmieter auftritt. Die Bewohnerinnen und Bewohner schließen eigene Mietverträge sowie getrennte Pflegeverträge ab.
Grundsätzlich unterscheidet das WTG zwei Formen: selbstverantwortete und anbieterverantwortete Wohngemeinschaften. In selbstverantworteten WGs organisieren Wohnende oder Angehörige das Zusammenleben selbst, wählen Dienstleister frei und tragen die Alltagsverantwortung. Die WG in Hattingen ist dagegen eine anbieterverantwortete WG: Der Träger MaxiPflege übernimmt organisatorische Aufgaben und Alltagsbegleitung, während die Bewohnerinnen und Bewohner trotzdem eigenständige Miet- und Pflegeverträge behalten. Damit bleibt die Wohnform ambulant – aber mit professionellem Rahmen.
Rebecca Wehnerts Tag beginnt früh. „Dienstbeginn ist Viertel vor sechs“, erzählt die Krankenpflegehelferin und geht weiter ins große Wohnzimmer. Dort sitzt Herr R. mit ein paar weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern auf Sesseln. „Bis Viertel nach sechs ist Übergabe, dann Frühstücksvorbereitung – Teller, Gläser, wer kann noch selbst schmieren?“ Nach dem Frühstück folgt die Medikamentenrunde, später Gedächtnistraining, Geschichten, Spaziergänge.
Aber Pläne sind hier nur Vorschläge. „Jeder Tag ist anders“, sagt sie. „Weil die Demenz jeden Tag anders ist.“ Mal hell, mal dunkel. „Man muss lernen, das zu akzeptieren – und den Menschen trotzdem Raum zu lassen. Selbstbestimmung ist hier wichtig. Wenn jemand erst um elf frühstücken will, dann ist das so.“ Wehnert lächelt. „Das ist in Heimen oft nicht möglich. Hier schon.“
Wären Wohnen, Betreuung und Pflege aus einer Hand organisiert, müsste die WG als stationäres Heim nach dem bundesweiten Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG) eingestuft werden – mit weitreichenden Betreiberpflichten wie Fachkraftquoten, Rundum-Verantwortung und Dokumentationspflichten. Die Trennung ermöglicht dagegen ein selbstbestimmtes, alltagsnahes Leben in einer kleinen Gemeinschaft, das rechtlich als „Wohnraum mit organisierter Hilfe“ gilt und nicht als Institution.
Es ist die zweite von insgesamt bereits drei Demenz-Wohngemeinschaften der hwg, die erste in der Hattinger Südstadt war zuvor bereits hervorragend angenommen worden. „Es gibt einfach viele demenziell erkrankte Menschen. Und es wird immer schwieriger, den Menschen ein Zuhause bieten zu können“, sagt Marc Spitzenberg, stellvertretender Abteilungsleiter im hwg-Kundencenter.
Doch eine Genossenschaft, so der Gedanke, bietet ihren Mitgliedern schließlich ein Zuhause, auch wenn sie dement sind.
Hinsetzen, zuhören
Rebecca Wehnert hat zuvor 22 Jahre lang in einer neurologischen Reha-Klinik gearbeitet. „Diese Arbeit hier gibt einem so viel Dankbarkeit und Kraft zurück, damit habe ich nicht gerechnet“, sagt sie lächelnd. „Schichtdienst, Zeitdruck, Stationsalltag – vorher ging’s um Minuten. Hier geht’s um Menschen.“
Im Hintergrund ist ein Lied im Fernseher zu hören, Herr R. klopft im Takt auf die Armlehne seines Sessels.
Wenn jemand unruhig wird, setzt sich Wehnert dazu. Manchmal, erzählt sie, wird es auch schwer. Wenn jemand plötzlich weint, sich verirrt, unruhig wird. „Dann hilft keine Vorschrift. Dann hilft hinsetzen, zuhören, vielleicht die Hand nehmen. Zeit haben.“
«Diese Arbeit hier gibt einem so viel Dankbarkeit und Kraft zurück.»
– Rebecca Wehnert
Die Idee der hwg
In dem Gebäude, in dem Rebecca Wehnert arbeitet, hat die hwg eG zwei Demenz-Wohngruppen untergebracht, acht Servicewohnungen – und im Erdgeschoss eine Kita. Von außen wirkt es schlicht, hell, mit bodentiefen Fenstern und einem kleinen Garten. Innen aber, sagt Wehnert, „fühlt es sich an wie ein Zuhause“.
Genau das war das Ziel der hwg: keine Pflege-Institution, sondern ein Ort, an dem das Leben weitergeht. „Wir wollten Räume schaffen, die Geborgenheit vermitteln“, sagt hwg-Mitarbeiter Marc Spitzenberg. „Wir wollten einen generationenübergreifenden Ort, einen Ort, an dem Alter nicht isoliert wird.“ Deshalb auch die integrierte Kindertagesstätte.
Die Vorschulkinder besuchen regelmäßig die WG – und lassen die Augen der Älteren leuchten. „Wie respektvoll die Kleinen sind – das ist wunderbar“, berichtet Wehnert. „Auch wenn die Älteren oft kaum noch sprechen. Sie verständigen sich trotzdem. Das ist so ehrlich, so normal.“
Planerisch war das Konzept anspruchsvoll. „Brandschutz, Auflagen, Nutzungsmischung – das war alles neu“, erinnert sich Spitzenberg. „Aber die Idee war stärker als die Hindernisse.“ Der Brandschutz in Deutschland wird von den Kommunen geprüft. Die Städte und Gemeinden können jedoch dieselben Landesvorgaben unterschiedlich auslegen – weshalb Anforderungen wie Aufschaltung (die direkte Verbindung einer Meldeanlage zur Leitstelle), Warnsysteme oder Fluchtwege von Kommune zu Kommune variieren.
«Die Idee war stärker als die Hindernisse.»
– Marc Spitzenberg
Der Brandschutz war gerade deshalb ein zentrales Thema, weil in diesem Gebäude zwei besonders schutzbedürftige Gruppen gemeinsam untergebracht sind: die Kita im Erdgeschoss und die demenziell erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner darüber. In einer anderen Wohngemeinschaft der hwg in der Südstadt war die Brandmeldeanlage direkt auf die Feuerwehr aufgeschaltet – was nicht nur kostspielig ist, sondern bei alltäglichen Situationen wie zu viel Backofen-Dampf schnell Fehlalarme auslöst. In Holthausen entschied man sich daher in Abstimmung mit Behörden und Träger für eine Brandwarnanlage: ein stiller Alarm, der zunächst beim Betreiber aufläuft. Erst wenn eine Pflegekraft bestätigt, dass es sich um einen Ernstfall handelt, werden Feuerwehrkräfte alarmiert.
Auch die Fluchtwege mussten neu gedacht werden. Üblicherweise führen sie direkt auf die Straße. In Holthausen jedoch münden sie – bewusst – in einen eingezäunten Gartenbereich. Für Menschen mit Demenz ist das sicherer, da sie nicht auf eine Straße oder einen offenen Verkehrsraum gelangen können.
Schnitzel und Kartoffelsalat
Der feine Geruch nach Mittagessen lockt viele zum Küchenbereich. Es gibt Schnitzel mit Kartoffelsalat, das hatten sich die WG-Bewohnerinnen und Bewohner gewünscht. Frau S. faltet langsam, aber sorgfältig bunte Servietten, während Rebecca Wehnert den Tisch mit Geschirr deckt.
„Ich habe hier viel gelernt“, sagt Wehnert schließlich. „Vor allem, dass Pflege nichts mit Kontrolle zu tun hat – sondern mit Vertrauen.“
Kochen, Backen, Waschen. Das sind Tätigkeiten, die den Demenzerkrankten Sicherheit geben. Wehner nimmt die gefalteten Servietten mit einem Lächeln dankend entgegen. „Menschen mit Demenz verlieren viel“, sagt sie nachdenklich. „Aber wenn sie merken: ‚Ich kann noch etwas, ich gehöre dazu‘, dann blühen sie auf.“
Rebecca Wehnert schaut sich um. Für das Mittagessen ist nun alles vorbereitet. Ihre Kollegin sitzt mit Frau S. am Tisch und unterhält sich, beide lachen. „Wenn jemand sagt: ‚Ich fühl mich hier wohl‘ – dann weiß ich, wofür ich das mache.“
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