Klimapfad gesucht – und gefunden:
Vom Heizungskeller zur Zukunftsstrategie
Schritt 1
Erhebung der Energieverbräuche für die
Treibhausgasbilanz:
Bestandsaufnahme, welche die Gesamtmenge der von einem Unternehmen in einem bestimmten Zeitraum ausgestoßenen Treibhausgase misst, ausgedrückt in Tonnen CO2-Äquivalent.
Schritt 2
Qualitätsprüfung
Wurden die Emissionen korrekt erfasst? Für ein Wohnungsunternehmen gliedern sie sich vor allem in die Bereiche: Emissionen, die durch Verbrennung vor Ort entstehen – Scope 1 (Gas, Heizöl) und Emissionen, die durch eingekaufte Energie entstehen – Scope 2 (Strom, Fernwärme), sowie indirekte Emissionen wie der Bau von Gebäuden oder deren Nutzung durch Mieter (Scope 3).
Schritt 3
Klimapfad erstellen:
Mithilfe des Treibhausgas-Tools wird eine Prognose erstellt, wie die CO2-Emissionen aufgrund von Maßnahmen gesenkt werden. Dabei werden verschiedene Zeitmarken betrachtet.
Schritt 4
Investitionen planen
Jetzt wird der Klimapfad zur betriebswirtschaftlichen Aufgabe. Was kann wie finanziert werden, wo bleiben Lücken?
Klimaneutralität bis 2045 klingt erst einmal nach politischen Visionen, nach ferner Zukunft und nach großen Zahlen. In der Praxis beginnt sie jedoch ganz konkret: mit einer Excel-Datei. Für Wohnungsunternehmen und -genossenschaften ist sie längst im Alltag angekommen: im Heizungskeller, in der Investitionsplanung, in Gesprächen mit Banken, Wirtschaftspartnern, Förderstellen und nicht zuletzt mit Mieterinnen und Mietern. Der Klimapfad hilft, aus einem komplexen Geflecht eine nachvollziehbare Strategie zu machen.
Um das Ziel des klimaneutralen Wohnens umzusetzen, stellen Wohnungsunternehmen und -genossenschaften betriebswirtschaftliche Klimapfade auf. „Ein Klimapfad ist kein Maßnahmenkatalog und keine Ideallösung von der Stange, sondern eine langfristige Übersetzung der Frage: Wie entwickeln sich unsere Emissionen, wie können wir sie beeinflussen – und was bedeutet das wirtschaftlich?“, erläutert Elisabeth Lechaudel, Beraterin für Klimaneutralität und Nachhaltigkeit beim VdW Rheinland Westfalen.
Wo fangen wir an?
Der Prozess startet meist unspektakulär. Ein Wohnungsunternehmen meldet sich beim Verband mit dem Anliegen, seine Umweltauswirkungen mithilfe einer Bilanz der Treibhausgase (THG-Bilanz) zu messen. Dahinter stecken oft sehr konkrete Fragen: Wo stehen wir mit unseren Beständen? Welche Gebäude sind bedeutende Verursacher von Treibhausgasemissionen? Wie viel müssen wir investieren, um die gesetzlichen Klimaziele zu erreichen – und können wir uns das überhaupt leisten?
„Der Klimapfad ist eine strategische Roadmap, die sorgfältige Planung und Analyse erfordert“, sagt Lechaudel. „Am Anfang steht nicht die Maßnahme, sondern das Verständnis der eigenen Ausgangslage.“
Die THG-Bilanz als Basis
Bevor über Sanierung, Heizungstausch oder große Investitionen gesprochen wird, braucht es eine belastbare Treibhausgasbilanz. Sie bildet den Status quo ab und zeigt, welchen THG-Ausstoß die Bestände heute tatsächlich verursachen – nicht geschätzt, sondern berechnet.
„Grundlage sind die allgemeinen Energieverbräuche der Gebäude, multipliziert mit den jeweiligen Emissionsfaktoren der Energieträger. Genau hier wird schnell deutlich, warum Energieeffizienz allein nicht ausreicht. Ein Gebäude kann wenig Energie verbrauchen und trotzdem hohe Emissionen verursachen, wenn es mit einem THG-intensiven Energieträger versorgt wird. Umgekehrt kann ein energieintensives Gebäude relativ klimafreundlich sein, wenn der Energieträger stimmt. Um jedoch die Nebenkosten finanzieren zu können, ist eine Kombination aus Gebäudesanierung und Wechsel der Energiequelle erforderlich. Dabei muss je nach Zustand des Immobilienbestands und den Umsetzungsmöglichkeiten ein Gleichgewicht gefunden werden“, verdeutlicht Lechaudel.
Hinzu kommen weitere Einflussfaktoren: das Verhalten der Mieterinnen und Mieter, das regionale Klima, der bauliche Zustand oder die Art der Wärmedämmung und -versorgung. „Der Klimapfad trennt damit sauber zwischen Energieintensität und THG-Ausstoß – eine Unterscheidung, die für spätere Entscheidungen wichtig ist“, so Lechaudel. „Ein wichtiger Zwischenschritt ist die Qualitätsprüfung der Bilanz. Sind die Daten vollständig? Passen die Verbräuche? Wurden Scope 1 und 2 korrekt erfasst? Denn klar ist: Ein Klimapfad kann nur so gut sein wie seine Datengrundlage.“
Sind Lücken vorhanden oder Werte nicht plausibel, müssen sie korrigiert werden. In manchen Fällen ist zunächst nur ein Teil-Klimapfad möglich. Erst wenn die Bilanz steht, kann der Blick wirklich nach vorne gerichtet werden.
„Ein Klimapfad kann nur so gut sein wie seine Datengrundlage.“
– Elisabeth Lechaudel
Emissionen im Zeitverlauf denken
Der eigentliche Klimapfad ist eine Prognose über 20 bis 25 Jahre. Er zeigt, wie sich die THG-Emissionen entwickeln könnten – unter Berücksichtigung von Sanierung, Heizungstausch, neuen Energieträgern und allgemeinen Reduzierungsmaßnahmen.
Dabei werden verschiedene Zeitmarken betrachtet: kurzfristige Effekte, strukturelle Veränderungen bis 2030, strategische Weichenstellungen bis 2040 und schließlich das Erreichen des Zielpunkts im Jahr 2045. Der Klimapfad macht sichtbar, wann welche Dekarbonisierungshebel wirken – und wo sich Maßnahmen über Jahre hinweg aufschieben oder akkumulieren.
Tools des Verbandes wie einfache THG-Monitoringmodelle oder weiterentwickelte Anwendungen wie der IW.2050 KlimaPfadfinder ermöglichen es, unterschiedliche Szenarien durchzuspielen. Der Verband begleitet diesen Prozess technisch und didaktisch, erklärt Annahmen, hilft bei der Parametrierung und unterstützt bei der Interpretation. Die eigentlichen Entscheidungen über technische Lösungen treffen jedoch die Unternehmen selbst – häufig gemeinsam mit externen Expertinnen und Experten.
Nicht jede Maßnahme wirkt gleich – und nicht jede rechnet sich
Ein zentraler Erkenntnisgewinn des Klimapfades liegt darin, Maßnahmen vergleichbar zu machen. Welche Renovierung spart viel THG-Emissionen, welche wenig? Welche Heizungsumstellung bringt schnell Emissionsreduktionen, welche erst langfristig? Und wo stehen Aufwand und Wirkung in einem ungünstigen Verhältnis?
Der Klimapfad zeigt, dass teure und umfassende Maßnahmen nicht automatisch zu den größten THG-Einsparungen führen. Er macht sichtbar, wo gezielte Eingriffe sinnvoller sind als flächendeckende Programme – und wo sich ambitionierte Ziele wirtschaftlich kaum darstellen lassen.
Zur Person
Elisabeth Lechaudel arbeitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Esma Höller in der Klimaneutralitätsberatung des VdW Rheinland Westfalen. Sie hat Agrarwissenschaft und Nachhaltigkeitsmanagement in Frankreich studiert, mit einem Auslandssemester mit Schwerpunkt Umweltpolitik in Finnland.
Die in Nancy geborene Diplom-Ingenieurin ist 2022 nach Deutschland gekommen und unterstützt Wohnungsunternehmen und -genossenschaften dabei, auf klimaneutrale Gebäudebestände hinzuarbeiten.
Mehr Informationen zur Klimaneutralitätsberatung für Mitglieder des VdW Rheinland Westfalen gibt es im Mitgliederbereich des Verbands unter https://share.vdw-rw.de/klimaneutralitaet
Quelle: VdW Rheinland Westfalen
Wenn aus THG-Kurven Investitionen werden
„Spätestens an diesem Punkt wird der Klimapfad zur betriebswirtschaftlichen Aufgabe“, sagt Lechaudel. „Denn jede Maßnahme hat finanzielle Folgen. Investitionen wirken sich auf Abschreibungen, Zinsen, Tilgung und Eigenkapital aus. Sie beeinflussen Mieten, Finanzierungsspielräume und langfristig die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens.“
Auf Basis des Klimapfades wird daher eine langfristige Investitionsstrategie entwickelt. Sie betrachtet auf der Gesamtbestandsebene das normalisierte Investitionsverhältnis über Jahrzehnte. Besonders wichtig ist dabei die Akkumulation: Viele kleinere finanzielle Aspekte entfalten ihre finanzielle Wirkung erst im Zusammenspiel über die Zeit.
Auch Fördermittel spielen eine entscheidende Rolle. Der Klimapfad ermöglicht die Einbeziehung einer durchschnittlichen Subventionsdeckung – und wird damit zum Argumentationsinstrument gegenüber öffentlichen Akteuren, Banken und politischen Entscheidungsträgern, dass die langfristige Freigabe von Finanzmitteln erforderlich ist, um die Wirtschaftlichkeit der Unternehmen sicherzustellen. Hierzu stellt der Verband ein vereinfachtes KlimaFinanzierungswerkzeug bereit, das gemeinsam mit der IW.2050 entwickelt wurde und aktuelle wirtschaftliche und regulatorische Annahmen berücksichtigt.
Mehr als ein Rechenmodell
„Knifflig wird es dort, wo technische Machbarkeit und wirtschaftliche Realität aufeinandertreffen“, beschreibt Lechaudel die Praxis. Am Ende steht kein theoretisches Zielbild, sondern ein Instrument, das im Alltag funktioniert. Der Klimapfad hilft bei Investitionsentscheidungen, bei Gesprächen mit Aufsichtsgremien, Banken oder Fördergebern – und nicht zuletzt bei der internen Kommunikation.
Klimaneutralität bis 2045 ist kein Sprung ins Ungewisse, sondern ein Prozess, der sich planen und steuern lässt. Er beginnt im Heizungskeller und bei der Fassadendämmung, führt über Annahmen, Szenarien und Zeitachsen – und mündet am Ende dort, wo Entscheidungen getroffen werden: in Excel-Dateien und langfristigen Unternehmensstrategien.
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