Tabula rasa?
Die Konversion von Flächen bedeutet einen Neuanfang für Wohnviertel, manchmal für ganze Städte. Ein Blick ins Paderborner Alanbrooke-Quartier, das früher militärisch genutzt wurde.
Am Anfang stand der Schock: 2011 hatte die britische Armee angekündigt, aus Paderborn komplett abziehen zu wollen. 10.000 Soldatinnen und Soldaten plus Familien hatten bis dahin in der ostwestfälischen Stadt gelebt. Jetzt sollten sie aus dem Stadtbild verschwinden? 2018 revidierten die Streitkräfte diese Entscheidung zum Teil, einige militärische Gelände bleiben besetzt. Für drei Kasernenflächen mit insgesamt etwa 90 Hektar aber durfte die Stadt eine neue Nutzung finden.
Den Anfang macht sie mit dem Alanbrooke-Quartier. Hier hat der britische Abzug eine 18 Hektar große Brache ins Herz der Stadt gerissen. Gerade einmal 1,4 Kilometer ist das Gebiet vom Zentrum entfernt. Was sollte die Stadt mit dieser Fläche anfangen? Wo liegen die Chancen für die Stadtentwicklung? Erst einmal „Tabula rasa“, also alle Gebäude dem Erdboden gleich machen, bei Null anfangen?
Im Fall der ehemaligen Alanbrooke-Kaserne ging das gar nicht, denn einige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert sind denkmalgeschützt und stilprägend für das Quartier. Ein auf dem Reißbrett geplanter Neustart war also nicht möglich und auch nicht sinnvoll.
Hauptfunktion: Wohnen
Welche Funktion im neuen Alanbrooke-Quartiert erfüllt werden soll, war schon 2016, als das Strukturkonzept beschlossen wurde, recht schnell klar, so Lars-Christian Lange, Konversionsbeauftragter der Stadt Paderborn. „In dieser Innenstadtlage sollten vor allem Wohnungen entstehen, aber keine reine Schlafstadt, sondern eine mit Geschäften und sozialen Einrichtungen belebte Erdgeschosszone, ergänzt durch ein gutes Freiraumkonzept“, erklärt er.
Der ehemalige Exerzierplatz bleibt als Freifläche erhalten, aus ihm heraus wird das grüne Rückgrat des Quartiers angelegt, das über seine Wegeachsen mit den anliegenden Stadtteilen verbunden wird. Früher lag die Kaserne quasi als Fremdkörper, wie ein Riegel, zwischen den Stadtvierteln – er musste immer umfahren werden. Nun gehört er zur Stadt, wird ihr einverleibt. In die denkmalgeschützten Gebäude sollen Unternehmen der Kreativwirtschaft und der Gastronomie einziehen.
2019 ging die Kaserne in den Besitz der Stadt über. Inzwischen wurde auf dem Gelände abgerissen, was abgerissen werden durfte, die Erschließung ist abgeschlossen, die ersten Gebäude befinden sich im Bau. Bei einigen Grundstücksflächen laufen die Vergabeverfahren noch – die gestiegenen Baukosten spielen der Stadt da nicht gerade in die Hände. Der Alanbrooke-Park wird in einzelnen Teilabschnitten bis Mitte 2028 fertiggestellt werden.
Wohnen bleibt dabei Hauptfunktion. Laut Lange sollen in dem Quartier 30 Prozent sozial geförderte Wohnungen entstehen, darüber hinaus gehen 30 Prozent an bestandshaltende Vermieter und 40 Prozent der Wohnungen sollen frei finanziert sein. Ziel ist eine gute Mischung im Wohnquartier.
Eigene Gesellschaft
Um Wohnungen auf den Konversionsflächen zu bauen, gründete die Stadt ein eigenes Wohnungsunternehmen: die WGP Wohnungsgesellschaft Paderborn mbh. Auf dem Alanbrooke-Gelände ist der Wohnungsbau im vollen Gange, im vierten Quartal sollen die ersten Mieterinnen und Mieter einziehen.
317 Wohnungen errichtet die WGP gerade im Quartier, 276 davon von der sozialen Wohnraumförderung unterstützt. Die Wohnungen stoßen laut WGP-Geschäftsführer Sören Lühr auf großes Interesse. „Die Nachfrage übersteigt unser Angebot schon jetzt deutlich, obwohl wir noch gar nicht offensiv in die Vermarktung gegangen sind“, berichtet er.
Der Plan war ursprünglich, dass die städtische Gesellschaft den gesamten geforderten Anteil an geförderten Wohnungen im Quartier baut. Als das Projekt 2019 gestartet wurde, stand die Wohnraumförderung bei anderen Investoren noch nicht so hoch im Kurs wie heute. „Die Herausforderung liegt momentan eher darin, den Anteil freifinanzierter Wohnungen im Alanbrooke-Viertel zu realisieren“, berichtet Lühr. Doch schon jetzt würde er den Neustart des Alanbrooke-Quartiers als gelungen betrachten.
Die Frage, wie die Gesellschaft mit militärischen Flächen umgeht, könnte sich in Zukunft noch einmal anders stellen. Denn inzwischen gab es auch in der Verteidigungspolitik einen Neustart: Deutschland will sein Engagement ausbauen, was ein Milliarden-Sondervermögen dokumentiert. Die USA stellen ihr Engagement in Europa zumindest teilweise infrage. Nachdem Jahrzehnte lang die Konversion von militärischen Flächen durch zivile Nutzung im Fokus stand, scheint der Umgang mit militärischem Gelände aktuell neu verhandelt zu werden.
Der Fall des Alanbrooke-Quartiers jedenfalls zeigt, dass ein Neustart für Flächen Chancen bietet und Zeit braucht.
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