Neu an Bord
Jil Mohr ist seit kurzem Vorstandsassistentin bei der Witten Mitte eG und kam eher zufällig zu der Stelle. Dass das Onboarding funktioniert, hat sie unter anderem Tim Leweringhaus zu verdanken und einem Spruch seines Vaters.
„Das Wissen von 40 Jahren kann sich niemand in zwei Wochen aneignen“
– Tim Leweringhaus
An den 1. September 2002 kann sich Tim Leweringhaus noch ziemlich gut erinnern. Es war sein erster Arbeitstag als Auszubildender zum Immobilienkaufmann, damals in einer Wohnungsgenossenschaft in Gevelsberg. Für den damals 19-Jährigen war es der Start in eine neue Lebensphase, aber kein Sprung ins kalte Wasser. Denn er hatte einen Rat seines Vaters beherzigt. „Fahr da doch mal hin, Junge, und stelle Dich den Kolleginnen und Kollegen vor“, hatte der ihm gesagt. Und zwar lange vor dem offiziellen Start der Ausbildung, bereits als der Arbeitsvertrag unterschrieben war.
„Ich kannte deshalb einen Teil meiner Kolleginnen und Kollegen bereits, kannte die Geschäftsräume und meinen Arbeitsplatz“, erzählt Leweringhaus, der inzwischen Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Witten Mitte eG ist. An den Satz seines Vaters muss er immer noch denken, wenn er heute neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellt, mit an Bord nimmt – um den neudeutschen Begriff „Onboarding“ zu übersetzen.
Wertschätzung
führt zu Bindung
Ganz neu an Bord in Witten ist Jil Mohr, seit Januar wird sie als Vorstandsassistentin der Genossenschaft eingearbeitet. Und auch sie wurde bereits nach Vertragsunterschrift mehrfach von ihrem neuen Arbeitgeber eingeladen: zum Baustellenbesuch der neuen Geschäftsstelle, die sich damals noch in Bau befand, zum Vorabgespräch für die Einrichtung des Arbeitsplatzes – und sogar zur Weihnachtsfeier.
Zu ihrer Hochzeit schrieb der Vorstand der Genossenschaft ihr eine Glückwunschkarte. „Das hat mich richtig gefreut, dass mein neuer Arbeitgeber an mich denkt, obwohl ich noch gar nicht angefangen hatte“, erzählt die 30-Jährige. Für Tim Leweringhaus ist das gelebte Wertschätzung, die für eine Bindung an das eigene Unternehmen führen kann. „Natürlich muss man immer auch einschätzen, ob sich eine Person durch Einladungen nicht zum Kommen gedrängt fühlt – die Absage eines Termins ist völlig in Ordnung.“
Dass Jil Mohr nun Vorstandsassistentin bei der Witten Mitte eG ist, war eigentlich gar nicht vorgesehen. Zumindest nicht von ihrer Seite. „Ich hatte mich auf eine Stelle in der Technikabteilung beworben“, berichtet Mohr lachend. Doch als Tim Leweringhaus und sein Vorstandskollege Frank Nolte die Unterlagen der studierten Immobilienwirtschafterin sahen, waren sie sich schnell einig, dass man versuchen sollte, mit ihr die Vorstandsassistenz zu besetzen, die erst später hätte ausgeschrieben werden sollen. Schließlich hatte die Wittenerin bereits als Vorstandsassistenz gearbeitet. Also reagierte der Vorstand schnell und lud die Bewerberin gleich ein.
Onboarding beginnt
vor der Ausschreibung
„Da musste ich natürlich erst einmal bei Frau Mohr nachhören, ob das für sie überhaupt in Ordnung ist“, sagt Leweringhaus. War es. Und so wird Jil Mohr Nachfolgerin von Heidi Schneider, die nach 40 Jahren im Dienst der Wohnungsgenossenschaft im Herbst 2025 in Rente geht. Neun Monate hat Mohr nun Zeit, um sich von ihrer Vorgängerin den Betriebsablauf zeigen zu lassen.
Für Leweringhaus ist das ein Idealfall. „Das Onboarding beginnt im Grunde schon vor der Stellenausschreibung, nämlich indem man festlegt, wie lange die Übergangsfristen zwischen Vorgängerin bzw. Vorgänger und Nachfolgerin bzw. Nachfolger sind“, so Leweringhaus. „Und das Wissen von 40 Jahren kann sich niemand in zwei Wochen aneignen“, sagt er augenzwinkernd. Heidi Schneider hat mit ihrer neuen Kollegin einen Jahresplan erstellt, in dem festgelegt ist, welcher Vorgang wann erklärt wird. Das Wissen wird dann vermittelt, wenn es auch praktisch ansteht, die Erstellung der Mieterzeitung beispielsweise, und nicht nur theoretisch.
Dabei weiß Tim Leweringhaus, dass dieser Idealfall eines monatelangen Miteinanderarbeitens nicht bei jedem Jobwechsel gegeben sein kann. „Manchmal kann man als Unternehmen wegen der Kündigungsfristen nicht schnell genug auf den Abgang von Mitarbeitenden reagieren, manchmal findet man auch nicht schnell genug jemand anderen“, berichtet er. Dann komme es eben vor, dass ein neues Teammitglied nicht mehr durch die Vorgängerin bzw. den Vorgänger eingearbeitet wird. „Doch wir achten immer darauf, dass zwei bis drei Personen als direkte Ansprechpartnerinnen bzw. Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die jederzeit helfen“, sagt Leweringhaus. Gleichzeitig könne ein solcher Start in den Job aber auch eine Chance sein, weil die neue Person mit einem ganz neuen Blick an die Arbeit herangehe.
„Fahr da doch mal hin, Junge“
– Vater von Tim Leweringhaus
Menschlich muss es passen
Jil Mohr ist allerdings glücklich über die lange Einarbeitung mit Heidi Schneider. „Die Chemie zwischen uns stimmte auf Anhieb“, erklärt sie. Schneider war gleich schon zum Bewerbungsgespräch hinzugerufen worden, als sich herauskristallisierte, dass eine Einstellung von Jil Mohr in Frage kam. „Mir ist wichtig, dass auch Frau Schneider menschlich sehr gut mit ihrer Nachfolgerin zusammenarbeiten kann“, sagt Leweringhaus.
„Fachkräfte sind in erster Linie Menschen“, erklärt er. Dass es fachlich passe, erkenne man an den Bewerbungsunterlagen, doch ein Team funktioniere eben nur, wenn es auch menschlich zwischen den Beteiligten gut laufe. Nur dann sei Onboarding erfolgreich.
Deshalb sieht Leweringhaus im Homeoffice-Trend auch eine besondere Herausforderung für das Onboarding. Ohne das Aufeinandertreffen der Menschen im Büro lasse sich nur schlecht eine Bindung zum Unternehmen aufbauen. In der Wohnungsgenossenschaft halte man auch deshalb an der Präsenz im Büro fest. Das Thema werde aber in Zukunft sicher wichtiger werden.
Doch auch in Zukunft wird Tim Leweringhaus den Satz seines Vaters für richtig halten: „Fahr doch da mal hin, Junge.“
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