thema der Wohnungswirtschaft
N°1 – Der perfekte Sturm

Figur mit orangefarbenem Oberteil und schwarzer Mütze vor blauem geometrischem Hintergrund.
Quelle: Navel Robotics
Draufgeschaut

Maschinelle Pflege

2,15 Millionen Pflegekräfte werden Prognosen des Statistischen Bundesamts zufolge im Jahr 2049 in Deutschland benötigt, um die wachsende Anzahl Pflegebedürftiger zu versorgen, ein Drittel mehr als noch 2019. So viele Pflegerinnen und Pfleger aber wird es aller Wahrscheinlichkeit nicht geben. Laut Pflegekräftevorausberechnung werden 280.000 bis 690.000 Fachkräfte in diesem Bereich fehlen.

Roboter, die heben, überwachen und sogar zuhören können. Sind sie die Zukunft in der Pflege? Eine Bestandsaufnahme.

Die Bewohnerinnen und Bewohner im Mannheimer Seniorenheim empfanden den kleinen Roboter als Bereicherung im Alltag.

Quelle: Navel Robotics

Auch wenn Prognosen nie genau sein können, liegt der Bedarf an Pflegekräften angesichts einer älter werdenden Gesellschaft auf der Hand. Eine Idee, die sich immer mehr Bahn bricht: Wenn ausgebildete Menschen nicht als Fachkräfte zur Verfügung stehen, muss man sie durch Technik ersetzen. Sich einen Mitarbeitenden selbst bauen – als Roboter?

Helfer, Überwacher oder Freund?

Noch ist die Forschung ein gutes Stück davon entfernt, Maschinen zu entwickeln, die vollwertig einen Menschen ersetzen. Stattdessen aber könnten Roboter Pflegerinnen und Pflegern verschiedene Tätigkeiten abnehmen. Unterschieden wird zwischen ­Assistenz-Robotern, Monitoring-Robotern und sozialen Robotern.

Assistenz-Roboter etwa könnten bei schweren Tätigkeiten helfen, etwa indem sie einen Patienten ins Bett heben. Oder sie bringen Getränke und Medikamente, transportieren Wäsche. Diese Service-Roboter könnten dafür sorgen, dass Pflegebedürftige länger in den eigenen vier Wänden leben können. Auch der Pflegeberuf könnte attraktiver werden, wenn die körperlich anstrengenden Tätigkeiten weniger werden. Pflegerinnen und Pfleger müssen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zufolge mehr als dreimal so häufig schwere Lasten heben bzw. tragen und sich bücken, knien und hocken als andere Berufstätige. Die Folge sind Muskel-Skelett-Schmerzen – die ein Assistenzroboter eben nicht hat.

Monitoring-Roboter überwachen beispielsweise Körperfunktionen wie den Puls und erinnern Patientinnen und Patienten an die Einnahme von Medikamenten oder daran, etwas zu trinken. Stimmt etwas nicht mit den Körperwerten, schlagen sie Alarm. Zudem helfen sie bei der Pflegedokumentation. Ergänzt werden können die mechanischen Pflegekräfte durch Sensoren in der Wohnung. Ein solcher im Teppich könnte etwa einen gestürzten Menschen erkennen und einen Notruf absetzen.

Und dann gibt es noch die sozialen Roboter, die sich Zeit für das nehmen, was in der Pflege sonst oft zu kurz kommt: ein Gespräch. Oskar ist ein solcher zuhörender Roboter. In einem Mannheimer Seniorenheim unterhält sich der acht Kilogramm schwere kleine Kerl, der wie ein kleiner Junge anmutet, mit den Patientinnen und Patienten. Er stellt Fragen, erinnert sich an vorangegangene Gespräche und verliert vor allem nicht die Geduld, weil die Zeit drängt.

Ethisch vertretbar?

In dem Seniorenheim war Oskar bereits mehr als ein Jahr im Einsatz. Die Erfahrungen mit ihm sind durchaus gemischt. Small Talk beherrsche er, aber er neige zu Wiederholungen und Floskeln, wie der Leiter der Einrichtung gegenüber der Nachrichtenagentur dpa in der Ärztezeitung erklärte. Auf die Dauer seien die Gespräche ermüdend.

Trotzdem strahlt der menschenähnliche Roboter Empathie aus. Ethisch ist das durchaus ein Problem. Demenzkranke beispielsweise könnten ihn möglicherweise von einer lebenden Person nicht unterscheiden.

Der Deutsche Ethikrat hat sich mit diesen moralischen Problemen bereits 2020 in einer Stellungnahme beschäftigt. Er schreibt, dass Pflege im Wesentlichen eine zwischenmenschliche Interaktion sei, die nicht von Technik ersetzt werden könne. „Es ist wichtig, darauf zu achten, dass der Einsatz von Robotik soziale Kontakte nicht vermindert oder erschwert und Erfahrungen von Zuwendung und Empathie, die im Einzelfall eng an die Unterstützung durch pflegende Personen gebunden sein können, nicht beeinträchtigt“, so der Deutsche Ethikrat.

Christof Mandry, Professor für Moraltheologie und Sozialethik an der Goethe-Universität in Frankfurt, sieht auch den Einsatz von Sensoren in der Wohnung durchaus kritisch: Es könne eine gläserne Wohnung entstehen, wenn jedes Verhalten gefilmt oder registriert wird. „Bin ich dann zu Hause wirklich noch privat?“, fragt Mandry in einem Beitrag auf der Homepage der Goethe-Universität. Abgesehen davon müssen solche Systeme einem extrem hohen Datenschutzstandard genügen und eine hohes Netzwerkstabilität gewährleisten. Denn ein ausgefallenes IT-Netzwerk könnte Leben kosten.

Drei Ansichten einer weißen Roboterpuppe mit blauer Strickmütze vor hellem Hintergrund.
Quelle: Navel Robotics

Noch Training notwendig

Forschungsvorhaben in der Pflegerobotik gab und gibt es reichlich, die Serienproduktion einzelner Robotertypen wurden aber auch schon wieder eingestellt. Tatsächlich rechnen Expertinnen und Experten noch nicht mit einem schnellen Durchbruch beim Einsatz von Robotern in der Pflege.

Alexander König, Professor für Robotik und Systemintelligenz an der Technischen Universität München, beispielsweise glaubt nicht, dass die Roboter sich schon bald selbstständig wie ein Mensch in ihrer Umgebung zurechtfinden können. „Das liegt daran, dass wir zum aktuellen Zeitpunkt noch sehr wenige Trainingsdaten haben“, sagte er der ARD-Tagesschau anlässlich der Automatica 2025, einer Messe für intelligente Automation und Robotik.

Anders als ChatGPT werden Roboter nicht in erster Linie mit Text oder Bildern trainiert, sondern mit Bewegungsdaten – und die seien nun einmal rar. Auch sind, anders als in einer Fabrik, wo Roboter schon lange Einzug gehalten haben, die Handgriffe in der Pflege nicht immer dieselben.

Fakt ist: Die Bewohnerinnen und Bewohner im Mannheimer Seniorenheim empfanden den kleinen Roboter Oskar einer Begleitstudie des Instituts für Innovation, Pflege und Alter (IPA) der Heimstiftung zufolge als Bereicherung im Alltag. Er wurde als sympathisch, freundlich und humorvoll wahrgenommen. Doch Oskar müsse selbständiger werden und beispielsweise besser in der Gesichtserkennung. Das dürfte machbar sein.

So sollten Kranken- und Pflegekassen wohl besser heute als morgen darüber nachdenken, über welche Leistungsgruppe man die automatischen Assistenten demnächst abrechnen kann. Denn die Robotik wird sozial.

Quelle: Navel Robotics

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