Lokale Identität erhalten
Sozial orientierte Wohnungsunternehmen und -genossenschaften schaffen mehr als bezahlbare Wohnungen für eine Stadt. Sie erhalten unter anderem identitätsstiftende Gebäude, die Viertel und Menschen prägen. So wie etwa die WohnBau Mönchengladbach, die eine alte Grundschule zu einem Wohnhaus umbaut.
«Wir wollen nicht nur Wohnraum schaffen, sondern auch Akzeptanz im Quartier.»
– Frank Meier
An der Knopsstraße im Mönchengladbacher Stadtteil Westend ist das Straßenbild unspektakulär: einfache Wohnbebauung, wenig architektonischer Glanz. Und doch sticht ein Bau deutlich hervor. Zurückgesetzt vom Straßenraum, von altem Baumbestand flankiert, erhebt sich ein historischer Backsteinbau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier befand sich einst die evangelische Grundschule – ein Gebäude, das vielen Anwohnerinnen und Anwohnern bis heute etwas bedeutet. „Für viele ältere Menschen aus dem Viertel ist es ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Manche sind selbst dort zur Schule gegangen“, betont Frank Meier, Vorstand und Geschäftsführer der WohnBau Mönchengladbach. „Wenn so ein Gebäude verschwindet, verschwindet oft auch ein Teil des kollektiven Gedächtnisses.“
Doch das wird hier nicht geschehen. Statt Abriss setzt das kommunale Wohnungsunternehmen auf Umnutzung. Gemeinsam mit einem Neubau auf dem ehemaligen Schulhof entstehen insgesamt 21 geförderte Wohnungen – alle barrierefrei und bezahlbar. Ein Projekt, das mehr ist als klassische Bestandssanierung. „Wir erhalten einen identitätsstiftenden Ort und fügen gleichzeitig dringend benötigten Wohnraum hinzu“, erläutert Christian Heinen, ebenfalls Vorstand und Geschäftsführer der WohnBau. „Das Gebäude hat eine besondere Präsenz, es ist für den Stadtteil ein wichtiger Fixpunkt.“
Ein Bau mit Altlasten
Doch die Umnutzung ist kein Selbstläufer. Der Altbau hat eine wechselvolle Geschichte – inklusive Bombenschaden aus dem Zweiten Weltkrieg. Decken wurden seinerzeit behelfsmäßig repariert, der Dachstuhl in Teilen abgestützt. „Viele dieser Provisorien sind heute nicht mehr tragfähig und müssen ersetzt werden“, erklärt Meier. Auch die Anforderungen an Barrierefreiheit machen den Umbau komplex. Der Haupteingang mit Treppenanlage ist für mobilitätseingeschränkte Personen unzugänglich, stattdessen entsteht ein barrierefreier Zugang auf der Gebäuderückseite – inklusive neuem Treppenhaus und Aufzug. „Das alles unter einen Hut zu bringen und dabei die architektonische Substanz zu bewahren, ist eine Herausforderung.“
Hinzu kommt: Auch im Inneren müssen viele bauliche Details neu gedacht werden. „Ein ehemaliger Klassenraum bringt große Fenster und hohe Decken mit sich – wunderschön, aber nicht unbedingt geeignet für ein Badezimmer“, so Meier. Teilweise müssen Decken abgehängt, Technik nachträglich eingebaut, neue Raumzuschnitte geschaffen werden. „Wir erhalten so viel wie möglich, aber wir müssen auch funktionalen Wohnraum schaffen.“
Die zwölf Wohnungen im Umbau werden ergänzt durch einen Neubau auf dem früheren Schulhof. Hier entstehen neun weitere Wohnungen. Sowohl der Altbau als auch der Neubau werden mit zeitgemäßer Wärmepumpentechnik ausgestattet und energetisch auf den neuesten Stand gebracht.
Städtisches Leben mitgestalten
Für die WohnBau Mönchengladbach ist der Umbau der Schule nicht nur ein Bauprojekt, sondern eine Investition in die Zukunft für Mönchengladbach. „Unsere Hauptaufgabe ist es, für alle Menschen in der Stadt Wohnraum zu schaffen – insbesondere für jene, die weniger finanzielle Möglichkeiten haben“, sagt Heinen. „Dabei gestalten wir aktiv das städtische Leben mit. Als kommunales Unternehmen engagieren wir uns dort, wo die Stadt besonderen Bedarf sieht und wo unsere Arbeit einem gesamtgesellschaftlichen Zweck dient.“ Projekte wie das an der Knopsstraße sind Ausdruck dieses Selbstverständnisses. „Die Schule gehörte der Stadt, sie hätte verkauft werden können. Doch gemeinsam mit Politik und Verwaltung haben wir entschieden, sie in öffentlicher Hand zu halten und sinnvoll weiterzuentwickeln.“
Möglich wurde das Projekt durch eine grundsätzlich strategische Entscheidung: Die Stadt verzichtete 2023 auf Ausschüttungen aus den beiden kommunalen Wohnungsunternehmen – Kreisbau AG und Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft mbH, die gemeinsam die WohnBau Mönchengladbach bilden. Das Geld verblieb in den Gesellschaften – eine gezielte Investition in die Zukunft. Diese Mittel sind ein zentraler Baustein der städtischen Wohnungsbauoffensive, mit der in den kommenden Jahren eine Vielzahl von Projekten zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum realisiert werden soll. „Ohne diesen Schritt hätten wir nicht genug Eigenkapital gehabt, um die laufenden Neubauprojekte im Rahmen dieser Offensive zu realisieren“, verdeutlicht Heinen. „Das Projekt an der Knopsstraße ist eines von mehreren, die dadurch möglich wurden.“
Darüber hinaus wurden weitere unterstützende Maßnahmen umgesetzt: Die Stadt hat Bestandsimmobilien von der WohnBau zurückgekauft, um Liquidität bereitzustellen, und das Grundstück der ehemaligen Schule wurde unentgeltlich in die Gesellschaft eingebracht. „Es war ein gemeinsamer Kraftakt mit der Stadt, damit wir diese Projekte stemmen konnten“, so Heinen. „Diese Form der Zusammenarbeit ist nicht selbstverständlich, aber sehr wirkungsvoll.“
Wenn Konversion gelingt
Noch ist das Projekt mitten in der Umsetzung. Ziel ist, dass im Herbst 2026 die ersten Bewohnerinnen und Bewohner einziehen. Dabei soll die Umwandlung nicht nur architektonisch überzeugen, sondern auch sozial wirken. „Wir wollen nicht nur Wohnraum schaffen, sondern auch Akzeptanz im Quartier“, bekräftigt Meier. „Wenn sich nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner über ihre neue Wohnung freuen, sondern wenn auch die Nachbarschaft den Erhalt des Gebäudes als Gewinn empfindet – dann haben wir alles richtig gemacht.“
Für die WohnBau ist das Projekt an der Knopsstraße kein Einzelfall. Schon früher hat das Unternehmen leerstehende Schulgebäude und sogar entwidmete Kirchen in sozialen Wohnraum umgewandelt. „Es ist eine automatisch entstehende Folge der Wohnraumnot“, erklärt Meier. „Solche Sonderimmobilien rücken zwangsläufig in den Fokus.“ Zwar sei die Umnutzung meist aufwändiger als ein Neubau, aber sie biete enorme Vorteile: weniger Flächenverbrauch, größere Akzeptanz, stärkere Identifikation. Und nicht zuletzt ist der Rohbau bereits da – eine Ressource, die sinnvoll genutzt werden sollte.
Ein Beispiel dafür ist ein Projekt aus den frühen 2000er-Jahren: Damals wurde in Mönchengladbach-Rheydt eine evangelische Kirche zu barrierearmen Wohnungen umgebaut. Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen fanden dort ein neues Zuhause. Aktuell plant die WohnBau ein weiteres Projekt in einer entwidmeten Kirche – inklusive Kita und sozialen Einrichtungen. „Man muss heute kreativ sein“, sagt Meier. „Und das sind wir gerne.“
Mit der Knopsstraße setzt die WohnBau Mönchengladbach diese Linie konsequent fort – und zeigt, dass selbst komplexe Bestandsimmobilien zu wertvollem Wohnraum werden können, wenn der Wille und die Zusammenarbeit stimmen. Für das Westend bedeutet das nicht nur 21 neue Wohnungen, sondern auch den Erhalt eines Stücks Stadtteilgeschichte. Ein Gewinn, der weit über die Mauern der alten Schule hinausreicht.
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