thema der Wohnungswirtschaft
N°1 – Der perfekte Sturm

Im Viertel

Illustration: Statement GmbH

Die Wohnungswirtschaft denkt im Quartier, die Kommunen planen es – und die Menschen fühlen es: Das Viertel ist emotionaler Ankerpunkt und Ort rationaler Lösungen. Vor allem aber ist es als Bezugspunkt unverzichtbar.

Die sozial orientierte Wohnungswirtschaft sucht die Lösung meist im Quartier. Ob es um bezahlbare Mieten, die Energiewende oder um stabile Nachbarschaften geht: Stets wird das Viertel ganzheitlich betrachtet. Die Aufgaben, die die sozial orientierte Wohnungswirtschaft im Quartier zu erfüllen hat, werden dabei zahlreicher.

Energiekonzepte müssen erdacht, die demografische Entwicklung bedacht werden, die Bewohnerinnen und Bewohner wollen und sollen an der Quartiersentwicklung beteiligt, neue Mobilität ermöglicht werden. Hitzetage und Starkregen müssen Maßnahmen entgegengesetzt, die Digitalisierung vorangetrieben werden. Durch Modernisierung, Aufstockung und Neubau müssen die Gebäude und das Viertel insgesamt zukunftsfähig sein.

So kann etwa die Wärmeversorgung durch erneuerbare Energien deutlich effizienter sein, wenn eine Energiezentrale im besten Fall das gesamte Wohnquartier beheizt und nicht jedes Gebäude einzeln betrachtet und geplant wird. Die Zusammenarbeit mit einem sozialen Dienstleister in einem Viertel kann dafür sorgen, dass Menschen viel länger in ihrem angestammten Umfeld wohnen können. Versickerung, Entwässerung, Wasserflächen und der Baumbestand im Wohnumfeld sollten so gestaltet sein, dass möglichst alle Menschen und Gebäude im Viertel vor Überflutungen geschützt und an Hitzetagen schattige Rückzugsorte bereitgestellt werden. Dies sind nur einige Beispiele, wie der Quartiersgedanke in der Wohnungswirtschaft praktisch gelebt wird.

Das gesamte Wohnquartier im Blick zu haben und in ihm allen Ansprüchen an die sozial orientierte Wohnungswirtschaft gerecht zu werden, ist herausfordernd. Es gleicht einem komplizierten Puzzle-Spiel mit zahlreichen Teilen, bei dem die Wohnungsunternehmen und -genossenschaften die einzelnen Maßnahmen aufeinander abstimmen müssen. Wenn es ihnen gelingt, gewinnen am Ende die Mieterinnen und Mieter.

Das ideale Quartier

Aber wie sieht das ideale Quartier aus? Vivawest hat mit der Siedlung „Bergmannsgrün“ den Versuch unternommen, das Wohnquartier der Zukunft zu entwickeln. Dahinter steckt ein Konzept, mit dem 382 Wohnungen entstehen sollen. Bezahlbares Wohnen, die ökologische und soziale Dimension des Wohnens werden gemeinsam berücksichtigt.

Kommunen nutzen die Viertel ebenfalls als Handlungsebene. Sie planen beispielsweise die Mobilitätswende, also wie sie mit emissionsarmen Verkehrsmitteln und Mobilitätsstationen einen Beitrag für gesünderes Stadtklima leisten können. Am Beispiel der Stadt Wesseling zeigen wir in dieser Ausgabe, wie das gelingt.

Und viele Menschen machen es sich wahrscheinlich nicht bewusst, aber auch für ihr eigenes Leben bildet das Viertel eine wesentliche Bezugsgröße. Sie identifizieren sich mit ihm, treffen dort ihre Freunde in der Kneipe, gehen zum Bäcker, kaufen ein, sie wohnen dort gerne. Das ist zumindest die Idealvorstellung – und sie ist glücklicherweise noch oft anzutreffen. Etwa drei Viertel der städtischen Bevölkerung in Deutschland hat laut der Befragung „Leben im Viertel“ der Universität Duisburg im Jahr 2024 ein positives Bild der eigenen Nachbarschaft.

Illustration: Statement GmbH

Das überforderte Quartier

Doch dass die Wirklichkeit auch ganz anders aussehen kann, zeigt die im vergangenen Jahr erschienene Studie „Überforderte Nachbarschaften“ des InWIS Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung. Im Auftrag des GdW Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen haben die Forschenden nachgezeichnet, wie sich die schon in den 1990er-Jahren erkannten „überforderten Nachbarschaften“ entwickelt haben. Das Ergebnis: Trotz intensiver politischer Bemühungen, etwa durch die Städtebauförderung, hat sich die Situation verschlimmert.

Die Studie konstatiert: „Soziale Polarisierung, Radikalisierung und eine zunehmende Erschöpfung und Veränderungsmüdigkeit in der Gesellschaft führen dazu, dass erneut – und stärker als damals – Handeln erforderlich ist.“ Nicht hilfreich ist da, dass sich knapp 40 Prozent der Kommunen schon bei der Unterbringung von Geflüchteten am Limit oder als überlastet sieht, wie eine Befragung des DESI Instituts für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration 2024 aufzeigte.

Wie wirksames Handeln auf dem Feld aussehen kann, zeigt das Beispiel von fünf Wohnungsunternehmen, die sich zusammengeschlossen haben, um die soziale Abwärtsspirale in einem Viertel in Düsseldorf-Wersten zu stoppen. Vergangenes Jahr haben sie dafür den Preis Soziale Stadt gewonnen. Zwei Arbeitskreise des VdW Rheinland Westfalen haben den Werstener Südosten im Frühling besucht, Anlass für eine „thema“-Reportage.

Funktionierende Nachbarschaften zeichnen sich auch dadurch aus, dass sich die Menschen nicht einsam fühlen. Ein Viertel der Mieterinnen und Mieter fanden einer Befragung des GdW zufolge, dass sie zu viel allein seien. Mit ihrem Sozialmanagement und der Vernetzung der Menschen im Quartier versucht die sozial orientierte Wohnungswirtschaft diesem Gefühl entgegenzusteuern.

Dabei braucht sie aber auch politische Unterstützung. Ohne sie fällt das Puzzle auseinander.

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