Fünf im Viertel
Drogenkriminalität, brennende Matratzen, Schlägereien: Das Düsseldorfer Viertel Wersten-Südost hat unschöne Schlagzeilen hinter sich. Fünf Wohnungsunternehmen sind angetreten, um die Abwärtsspirale im Viertel zu stoppen – und haben dafür 2025 den Preis Soziale Stadt gewonnen. Zwei Arbeitskreise des VdW Rheinland Westfalen informierten sich auf einer Exkursion über die erfolgreiche Quartiersarbeit.
Ein Tag im November 2020: Es ist noch dunkel, als eine Gruppe Polizisten in den Morgenstunden gezielt eines der Hochhäuser an der Küppersteger Straße ansteuert. Es ist die zweite Drogenrazzia innerhalb weniger Monate in dem Gebäude im Werstener Südosten. Das Haus gilt als Drogenumschlagplatz, das Viertel als „überforderte Nachbarschaft“, wie es im Fachjargon heißt. Immer wieder kommt es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, einmal fast zu einer Massenschlägerei, ein Polizeieinsatz verhindert Schlimmeres.
Fünfeinhalb Jahre später, Frühlingsanfang in Wersten. Die Luft ist kühl, doch die Sonne wärmt. Etwa 20 Menschen haben sich auf der Küppersteger Straße um Dorothee Linneweber und Prof. Reinhold Knopp gruppiert, unweit der „Blauen Säulen“, die wohl mal als Kunst am Bau errichtet wurden und mitten auf einer Kreuzung das Zentrum des Viertels markieren – unmittelbar an dem Hochhaus, in dem die Drogenrazzien stattgefunden haben. Linneweber hält ein laminiertes Blatt in die Höhe, auf der vier japanische Kirschblütenbäume gezeichnet sind. „Dieses Jahr sollen die Bäume an die Ecken der Kreuzung um die Blauen Säulen gepflanzt werden, gerade eben habe ich mich mit der SWD dazu getroffen, die die Kosten übernimmt“, sagt sie laut, sodass alle sie verstehen.
Die SWD ist die Städtische Wohnungsgesellschaft Düsseldorf und eines von fünf Wohnungsunternehmen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diesen Stadtteil zu retten. Initiiert und strukturell auf den Weg gebracht wurde die Kooperation durch die Rheinwohnungsbau, es schlossen sich an: die SWD, Sahle Wohnen, WOGEDO und Vonovia. Bis auf Sahle Wohnen sind alle Mitglieder des VdW Rheinland Westfalen. Dorothee Linneweber leitet mit ihrem freien Büro das Quartiersmanagement in dem Viertel, das von den Wohnungsunternehmen bezahlt wird. Die Gruppe, die ihr zuhört, besteht aus Mitgliedern der VdW-Arbeitskreise „Stadt und Quartiersentwicklung“ und „Integration“. Sie sind gekommen, um Erfahrungen aus der Praxis mitzunehmen.
«Wer nur auf die Daten sieht, würde sagen: Hier gehe ich nicht hin.»
– Prof. Reinhold Knopp
„Multiple Problemlagen“
Wenn es um die großen gesellschaftlichen Probleme geht, wird die Sprache in Deutschland oft akademisch. Worte wie „Segregation“ und „multiple Problemlagen“ werden bemüht, um den Zustand solcher Viertel wie Wersten-Südost, dem „Düsseldorfer Sozialraum 091004“, zu beschreiben. Was diese abstrakten Begriffe konkret bedeuten – und welche Antworten man auf sie geben kann, erfahren die Arbeitskreismitglieder an diesem Nachmittag hautnah.
Prof. Knopp koordiniert die Zusammenarbeit der fünf Wohnungsunternehmen, alle sechs Wochen trifft er sich mit den Vertreterinnen und Vertretern des Sozialmanagements, um die Entwicklungen im Viertel zu besprechen. Der Soziologe der Hochschule Düsseldorf kennt die statistischen Zahlen, die der Quartiersatlas 2024 der Stadt ausweist: Die Arbeitslosenquote liegt bei 19,5 Prozent – im Stadtdurchschnitt sind es 8,4 Prozent. 41,2 Prozent der Kinder bekommen hier Sozialhilfe bzw. Hilfen nach SGB-II, jeder vierte ältere Mensch erhält Grundsicherung im Alter. Nach der vierten Klasse gehen gerade einmal 15,6 Prozent der Kinder aufs Gymnasium, im Düsseldorfer Durchschnitt ist es jedes zweite. Zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner haben Migrationshintergrund, stadtweit sind es 43,1 Prozent.
Wenn die InWIS-Studie „Überforderte Quartiere“ aus dem Jahr 2025 von Orten erhöhter Segregation spricht, dann meint sie Viertel wie dieses. Segregation bedeutet: Arme wohnen nicht neben Reichen, Ungelernte nicht neben gut ausgebildeten Menschen, häufig Kranke nicht neben Gesunden. Sie leben räumlich voneinander getrennt – es gibt die Reichen- und die Armenviertel. Der Werstener Südosten gehört in die zweite Kategorie.
„Wer nur auf die Daten sieht, würde sagen: Hier gehe ich nicht hin“, sagt Knopp zu den Arbeitskreismitgliedern, nachdem die Gruppe das Viertel weiter erkundet hat und nun auf dem Rasen eines begrünten Innenhofs mit Spielzeuggeräten steht. „Doch wer wie wir mit den Leuten spricht, erkennt: Hier kann man ganz gut leben.“
Ein Zettel, eine Idee
In der Mitte des Innenhofs ragt ein geometrisch bemaltes Betonhäuschen aus dem Rasen, das Lüftungshäuschen einer Tiefgarage. Dorothee Linneweber zeigt auf das Häuschen: „Das war früher grauer Sichtbeton, der den Leuten nicht gefallen hat.“ Dass die Menschen hier Handlungsbedarf sehen, hat die Quartiersmanagerin auf einem der Sommerfeste erfahren, die inzwischen jedes Jahr gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt veranstaltet werden. Die Idee landete zunächst auf einem Ideenzettel, die Linneweber und ihr Team immer dabeihaben. Aus der Idee wurde mehr. „Innerhalb von mehreren Tagen haben wir gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern das Häuschen gestrichen“, berichtet Linneweber.
Sommerfeste, Workshops, Streichen, Kirschbäume. Das sind nur wenige Maßnahmen eines großen Katalogs, der immer weiter ergänzt wird und eine lange Vorgeschichte hat. Bereits Ende der 1990er-Jahre beginnt eine Kooperation zwischen Wohnungswirtschaft und Stadtverwaltung zur Verbesserung der Lebensumstände im Viertel. Im Jahr 2011 wird das Gebiet in das Landesprogramm Soziale Stadt NRW aufgenommen, ein Integriertes Handlungskonzept beschlossen, im Laufe der Zeit werden Mittel aus der Städtebauförderung in Höhe von fünf Millionen Euro abgerufen.
Schon damals beteiligten sich Rheinwohnungsbau, SWD Städtische Wohnungsgesellschaft, Sahle Wohnen, WOGEDO und Vonovia an der Aufwertung des Quartiers gemeinsam mit anderen Akteuren und der Bezirksvertretung. Hochhäuser wurden saniert, Schulen, Kitas und ein Bürgerhaus instandgesetzt, ein Stadtteiltreff der AWO und ein Bolzplatz neu gebaut, Grünflächen erweitert, ein Nachbarschaftsgarten und ein Fitnessparcours geschaffen. Und die Stadt genehmigte seinerzeit die Freistellung der Belegungsbindung, bedeutet: Die Wohnungsunternehmen dürfen in die geförderten Wohnungen seitdem auch Menschen ohne Wohnberechtigungsschein einziehen lassen. Die Regelung gilt noch heute. So kann sich die soziale Durchmischung im Viertel ändern.
Ganz oben auf der Liste steht: Kriminalität bekämpfen.
Ende der „Sozialen Stadt“
2019 lief die Förderung des Programms „Soziale Stadt“ aus, die Akteure im Viertel waren wieder auf sich allein gestellt. Auf Initiative der Rheinwohnungsbau beschlossen die Geschäftsführungen der Wohnungsunternehmen, einen Workshop zu veranstalten, der vom Europäischen Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (EBZ) moderiert wurde. An zwei intensiven Tagen im November 2021 mit Geschäftsführung, Mitarbeitenden aus der mittleren Führungsebene, aber auch der Vermietung und Technik sowie Vertreterinnen und Vertretern der Stadt wurden drei Oberziele für den Stadtteil definiert: Sicherheit/Ordnung/Sauberkeit; Erscheinungsbild; Sozio-ökonomische Situation.
Den Oberzielen wurden zwölf Handlungsfelder zugeordnet und den Handlungsfeldern Maßnahmen. Anschließend priorisierte die Gruppe die Handlungsfelder. Ganz oben auf der Liste steht: Kriminalität bekämpfen. Es folgen Müll beseitigen, eine ausgewogene Belegungsstruktur einführen, gegen Störer vorgehen, Außenanlagen herrichten und weitere.
Nach dem Workshop wurde der Kooperationsvertrag ausgearbeitet, unterschrieben, Prof. Knopp als Koordinator gewonnen, das Quartiersmanagement war schon zuvor aus dem Programm Soziale Stadt übernommen worden. Im August 2022 begann die Kooperation offiziell. Seitdem führen die fünf Wohnungsunternehmen das Quartiersmanagement in Eigeninitiative fort – unterstützt durch einen Fördertopf der Stadt Düsseldorf. Seitdem schickt beispielsweise ein Sicherheitsdienst regelmäßig Mitarbeitende durchs Viertel, die bei Bedarf Jugendliche ansprechen. Die Einsätze sind aber seltener geworden.
Die Bewohnerinnen und Bewohner erfuhren auf dem ersten Sommerfest von der Kooperation und füllten gleich die ersten Ideen-Zettel aus. Damit das Engagement der Menschen aber nicht versiegt und sich verstetigt, muss das Quartiersmanagement immer wieder Impulse setzen. Wie bei der Müllsammelaktion, die Linnewebers Team alle paar Monate organisiert – und die ein Vater auf eigene Faust mit Kindern wöchentlich fortführte. Über Winter verlor sich die private Säuberungsunternehmung, die nächste organisierte Aktion belebte sie wieder.
Der Pavillon
Eine ganze Reihe von Ideen-Zetteln klebt heute am Schaufenster des Quartierspavillons. Vonovia stellt die leerstehende Gewerbefläche, die mehrere separate Räume aufweist, unentgeltlich zur Verfügung. Hier könnten beispielsweise bald junge Erwachsene einen Lernort vorfinden, an dem sie ungestört arbeiten können.
Dorothee Linneweber steht vor dem Pavillon, der letzten Station der Exkursion durch den Werstener Südosten. Ein Teilnehmer spricht sie an: „Im gesamten Viertel habe ich keinen Bäcker gesehen“, sagt er. „Das stimmt“, bestätigt Linneweber. „Aber zwei ältere Frauen im Viertel haben uns angesprochen, ob wir einmal in der Woche ein Frühstücks-Café hier im Pavillon veranstalten können.“ Das Quartiersmanagement könne das kapazitätsbedingt nicht leisten, aber vielleicht bekämen das die älteren Frauen mit Unterstützung hin. „Die Leute müssen jetzt erkennen, dass sie selbst auch mehr bewirken können in ihrem Viertel, mehr als das Anmalen von Garagenhäuschen“, sagt Linneweber. Es wäre ein neuer Schritt in der Entwicklung des Viertels.
Für ihr Engagement erhielten Rheinwohnungsbau, SWD Städtische Wohnungsgesellschaft, Sahle Wohnen, WOGEDO und Vonovia 2025 den Preis Soziale Stadt, der von vhw Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung, Deutscher Städtetag, AWO Bundesverband und Deutscher Mieterbund ausgelobt wird.
Die Wohnungsunternehmen geben viele kleine Antworten auf die Überforderung im Quartier. Antworten, die für sich genommen dem einen oder anderen unbedeutend erscheinen mögen – wie die des Frühstücks-Cafés oder der Kirschbäume an den Blauen Säulen. Doch zusammengenommen verändern sie das Viertel und vielleicht das Leben von Menschen.
Hinter Dorothee Linneweber weist ein handgeschriebenes Banner auf den Flohmarkt hin, der an diesem Freitag im Pavillon stattfindet, überall an den Hauseingängen im Viertel laden hübsche Flyer ebenfalls dazu ein. Drei Mal im Jahr veranstaltet sie ein solches Event, damit die Leute Anlass haben, ihre Wohnungen zu entrümpeln – und damit neue Ideen ihren Weg auf die Zettel finden.
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