„Es darf sich keine ideologische Denkweise einstellen“
„Wer kurzfristige Gewinnmaximierung anstrebt oder Modetrends hinterherläuft, geht aus meiner Sicht Risiken für die langfristige Stabilität des Unternehmens ein.”
Franz-Bernd Große-Wilde
Herr Große-Wilde, Sie engagieren sich seit langer Zeit für Wohnungsgenossenschaften und wechseln nun in eine GmbH – was nehmen Sie gedanklich aus der Welt der Genossenschaften mit?
Große-Wilde: Genossenschaften sind werteorientiert. Und sich mit Werten auseinanderzusetzen, nicht aber ideologisch, sondern in einer angemessenen Art und Weise, nehme ich auf jeden Fall mit. Mir geht es weiterhin darum, Werte zeitgemäß umzusetzen und zu leben. Auch die Langfristigkeit und Nachhaltigkeit, mit der Genossenschaften in die Zukunft blicken und nach der sie ihr Portfoliomanagement ausrichten, werde ich mir für die Zukunft beibehalten. Wer kurzfristige Gewinnmaximierung anstrebt oder Modetrends hinterherläuft, geht aus meiner Sicht Risiken für die langfristige Stabilität des Unternehmens ein.
Welche Werte einer Genossenschaft sprechen Sie damit genau an?
Große-Wilde: Ich meine damit vor allem die Werte Menschlichkeit und Gerechtigkeit – und damit auch Eigenverantwortung und Gemeinschaft. So wollen Menschen ja auch arbeiten – sie wollen einen gesellschaftlichen Sinn in dem sehen, was sie jeden Tag tun. Das können Genossenschaften bieten, aber auch andere Unternehmensformen – und das werde ich auch in die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft einbringen.
Welche genossenschaftlichen Themen haben Sie in den zurückliegenden Jahren am meisten gefordert?
Große-Wilde: Das waren zum einen Themen wie die Digitalisierung und Nachhaltigkeit, die wir auch bei der Spar- und Bauverein eG Dortmund, deren Vorsitzender ich derzeit noch bin, vorangetrieben haben. Andererseits ging es darum, eine gute Balance zwischen der Beteiligung der Genossenschaftsmitglieder und der Wirtschaftlichkeit der Genossenschaft zu finden. Man muss den Mitgliedern verständlich aufzeigen, dass manche Wünsche nicht mit der langfristigen Bestandssicherung vereinbar sind. Es geht um die Abgrenzung von Kompetenzen zwischen Haupt- und Ehrenamt und um das Eigeninteresse einzelner Personen gegenüber dem Gesamtinteresse aller Mitglieder.
Franz-Bernd Große-Wilde
Seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Spar- und Bauverein eG Dortmund. Im VdW Rheinland Westfalen arbeitete er in der Sparte der Genossenschaften mit, deren Vorsitz er für etwa drei Jahre übernahm.
Genossenschaften zeichnen sich ja allerdings durch Mitbestimmung aus.
Große-Wilde: Ja, das ist auch gut so. Aber es darf sich keine ideologische Denkweise einstellen. Das Totschlagargument zum Beispiel, dass Mieterhöhungen nicht dem Genossenschaftsgedanken entsprechen, ist falsch. Eine Genossenschaft ist auch ein wirtschaftliches Konstrukt – das jedoch nicht auf Gewinnmaximierung, sondern auf angemessenes wirtschaftliches Handeln ausgerichtet ist. Soziale, ökologische und wirtschaftliche Ziele müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen.
Sie sprechen die Ziele an. Wie ist denn klimaneutrales Wohnen für eine Genossenschaft angesichts ihrer Werte überhaupt umsetzbar?
Große-Wilde: Das ist im Prinzip die Kernfrage. Genossenschaften haben eine geringere Ertragskomponente als andere Rechtsformen, weil die Bestandsmieten niedrig sind. Dadurch ist das Verhältnis von Erträgen zu Kosten zum Teil schlechter als woanders. Außerdem verzichten wir in der Regel auf eine Portfoliobereinigung, also den Verkauf oder Abriss energetisch schlechter Gebäude. Auch der Leerzug von Gebäuden ist nicht so einfach. Wenn die Schere zwischen Kosten und Erträgen immer weiter auseinander geht, steht irgendwann die Insolvenz im Raum. Hier stellt sich die Frage, inwieweit eine Genossenschaft dem wirtschaftlichen, technischen und sozialen Wandel gewachsen ist.
Wie beantworten Sie diese Frage?
Große-Wilde: Auch hier wieder: mit Professionalisierung. Jede Wohnungsgenossenschaft muss die wirtschaftlichen Möglichkeiten und Optimierungen ausschöpfen. Sei es beispielsweise durch Digitalisierung, technische Innovationen im Bauprozess, einem strukturierten Prozessmanagement. Soziales und ökologisches Engagement setzt eben auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten voraus, dies leisten zu können. Innovationen ausprobieren, Know-how aufbauen und Kooperationen untereinander sind für Genossenschaften unerlässlich.
Wie schwer fällt Ihnen denn der Abschied aus der Welt der Genossenschaften?
Große-Wilde: Nach 24 Jahren in genossenschaftlichen Ämtern fällt einem der Abschied natürlich schwer. Aber ich freue mich auch auf die neue Arbeit, auf eine neue Herangehensweise an wohnungswirtschaftliche Themen. Dennoch werde ich viel vom genossenschaftlichen Gedankengut mitnehmen. Denn auch bei der Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft, einem Unternehmen mit kirchlichen Wurzeln, geht es um die Werteorientierung.
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