Einfach machen
Das Komplizierte ist in Deutschland normal. Gerade auf das Bauen trifft dieser Satz zu. Denn die Normen für den Wohnungsbau sind zahlreich und kompliziert, sie einzuhalten ist technisch anspruchsvoll und immer teurer geworden. Inzwischen ist jedoch auch in der Politik der Wunsch zu spüren, zu einfachen Regeln zurückzukehren. Gerade beim Bauen.
Einfach ist etwas dann, wenn nur wenige Faktoren zu seinem Entstehen beigetragen haben und das Zusammenspiel der Faktoren durch wenige Regeln erklärt werden kann. Soweit die Definition von Wikipedia. Das Bauen fällt in Deutschland definitiv nicht in diese Kategorie: Dem Deutschen Institut für Normung (DIN) zufolge gibt es derzeit etwa 35.000 DIN-Normen, 3.900 davon sind für das Bauen relevant, davon wiederum 350 speziell für den Geschosswohnungsbau.
Und die Entwicklung scheint nur eine Richtung zu kennen: Seit 2008 sind etwa 750 baurelevante Normen hinzugekommen, eine Steigerung um circa 25 Prozent – auf die eben genannten 3.900. Das Problem an komplizierten Regeln ist nicht nur, dass sie zum Teil schwierig zu verstehen sind, sie sind in der Regel auch teuer in der Umsetzung, zumindest beim Bau von Wohnungen.
Im Wohnungsbau liegt die Komplexität vor allem in der schieren Anzahl der Normen begründet und das Hauptproblem darin, dass sie einzuhalten das Bauen immer teurer macht. Dabei sind es gar nicht einmal hauptsächlich die gesetzlichen Normen, die zum Problem geworden sind. Ursächlich sind vor allem Industrienormen, die von Gerichten als anerkannte Regeln der Technik angesehen werden – sie nicht einzuhalten wird als Mangel gewertet, was Schadensersatzansprüche auslösen kann. Wer rein nach den gesetzlichen Regeln baut, baut demnach mangelhaft. Es sei denn, genau das ist zwischen allen am Bau Beteiligten vereinbart.
Genau hier greift die Idee des „Gebäudetyp E“. Die Vereinbarung über die Abweichung von anerkannten Regeln der Technik soll auf gesetzliche Füße gestellt werden. Wir sprechen in diesem Heft darüber mit Florian Dilg, Leiter einer Taskforce zum Gebäudetyp E bei der Bundesarchitektenkammer. Die Idee hatte es bis zum Gesetzentwurf der Bundesregierung geschafft, bis die Ampelkoalition auseinanderbrach. Die Idee aber lebt weiter.
Von der Idee zum Regelwerk
Doch weshalb werden Dinge kompliziert? Ist es eine Art Naturgesetz? Führt eine einfache Idee automatisch zu einem komplizierten Regelwerk? Schließlich müssen beim Gießen der Idee in Gesetze Definitionen gefunden und Abgrenzungen vorgenommen werden. Da wird es sprachlich schnell wortklauberisch und grammatikalisch komplex – übrigens ein Phänomen, das sich manchmal auch in der Kommunikation mit Mieterinnen und Mietern zeigt.
Hin und wieder führen sogar Erleichterungen in einem Gesetz zur Komplexität. Die Definition eines Gebäudes im Energiewirtschaftsgesetz beispielsweise schließt baulich verbundene Anlagen, wie etwa Garagen, mit ein. Das macht die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner mit selbst produziertem Strom einfacher, so kann die PV-Anlage dann auch auf Garagendächern stehen. Allerdings ist ein Gebäude in anderen Gesetzen anders definiert, da zählen Garagen dann nicht dazu.
Mitunter ist Komplexität zudem auf Bequemlichkeit zurückzuführen oder auf Zeitnot. Es erscheint eben oftmals einfacher, die komplizierte Lösung zu wählen – allein deshalb, weil sie bereits vorliegt und nicht erst erarbeitet bzw. erdacht werden muss. Sie ist beim Bauen nur in der Regel auch teurer. Einfachheit zu erreichen, kann schwierig sein.
Einfach, nicht schlicht
Ein anderer Ansatz, die Einfachheit beim Bauen durchzusetzen, ist technischer Art: das serielle Bauen. Individuelle Einzelfalllösungen werden aufgegeben, zugunsten vorgefertigter Module, die immer nach demselben Schema produziert werden. Hier führt also gerade die Standardisierung zur Einfachheit. Um uns das anzuschauen, haben wir für diese Ausgabe das Werk eines Modulbauers besucht und ein fertiges Gebäude, das aus diesen Modulen erstellt worden ist.
Doch einfach muss nicht schlicht bedeuten. Den Gebäuden und Wohnungen sieht man nicht an, dass sie seriell errichtet wurden. Mit dem in Misskredit geratenen Plattenbau alter Tage hat das serielle Bauen jedenfalls wenig gemein. Das stellen Prof. Guido Spars und David Dwyer von der Bundesstiftung Bauakademie in einem Gastbeitrag klar.
Einfachheit ist ein Prinzip, das nicht leicht zu erreichen ist. Doch wer sich in seinem Handeln stets fragt: „Wie geht das einfacher?“, macht schon den wichtigsten Schritt. Einfach machen.
Seit 2008 sind etwa 750 baurelevante Normen hinzugekommen, eine Steigerung um circa 25 Prozent.
Normen und Gesetze
Regeln, die beim Bauen zu beachten sind, gründen auf zahlreichen rechtlichen Grundlagen. Unter anderem auf:
- Bundesgesetzen, wie das Gebäudeenergiegesetz,
- Landesgesetzen, wie die Landesbauordnungen,
- Technischen Baubestimmungen der Länder,
- DIN-Normen, wie etwa die DIN 18040 fürs
barrierfreie Bauen.
DIN-Normen haben nur dann verpflichtenden Charakter, wenn in Gesetzen und Verordnungen auf sie Bezug genommen wird. Allerdings nehmen sie Gerichte zur Grundlage bei Entscheidungen darüber, was ein Baumangel ist.
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