Der Mobilitätsmanager
Wenn jemand weiß, wie Kommunen die Co2-einsparende Mobilität in ihren Vierteln umsetzen sollten, dann ist es Florian Klee. Schließlich war er der nordrhein-westfälische Regionalkoordinator des „Bundesweiten Netzwerkes Wohnen und Mobilität“. Heute ist er Mobilitätsmanager der Stadt Wesseling und damit in der Praxis gelandet. VdW-Mitarbeiterin Lena Weinert hat mit ihm die kleine Stadt nahe Köln ohne Auto erkundet.
Am Bahnhof in Wesseling begegnen sich Stadtbahn, Autos, Busse, Fahrräder, E-Scooter und Fußgängerinnen und Fußgänger. Hier treffen sich Lena Weinert und Florian Klee an einem Frühlingstag. Busse rauschen vorbei.
Weinert: Herr Klee, hier am Bahnhof wird noch gebaut, was geschieht hier?
Klee: Der Bahnhof ist letzter Teil einer größeren Umgestaltung der Innenstadt – von Rheinufer über Fußgängerzone bis hierher für mehr Aufenthaltsqualität. Es soll ein Bürgerbahnhof entstehen, an dem die Menschen viele Möglichkeiten haben, den Verkehrsträger zu wechseln, ein so genannter Mobilitäts-Hub. Die Stadtbahn zwischen Köln und Bonn kommt hier an, die Busse fahren von hier, jetzt haben wir, wo wir gerade stehen, Fahrradboxen errichtet. Wir haben die Bushaltestellen barrierefrei gestaltet, ein digitales Fahrgast-Informationssystem angeschafft, Fahrradabstellanlagen, Sitzbänke etc.
Die beiden gehen durch die Unterführung in Richtung Fußgängerzone und Rathaus. Baumaschinen rattern und kreischen.
Klee: Der Bahnhof wurde denkmalgerecht saniert, an der Unterführung wird, wie man sieht, noch gearbeitet.
«Die Wege aller Menschen beginnen im Wohnquartier.»
– Florian Klee
Sie denken die Mobilität allerdings nicht vom Bahnhof aus, sondern vom Quartier. Was bedeutet das konkret?
Klee: Die Wege aller Menschen beginnen im Wohnquartier. Hier entscheidet sich, mit welchen Verkehrsmitteln sie ihren Alltag bestreiten. Deshalb sind im Quartier kurze Wege wichtig – Kita, Schule, Einkaufsmöglichkeiten, Arztpraxen, alles sollte vorhanden sein. So hat jeder Mensch die größte Auswahl, wie er sich fortbewegen will. Am besten natürlich barrierefrei.
Die Menschen sollen nicht aufs Auto angewiesen sein.
Klee: Genau. 40 Prozent aller Fahrten mit dem Auto sind in Deutschland weniger als fünf Kilometer lang. Es gibt ein großes Potenzial, die zu ersetzen, beispielsweise indem man Fahrradwege ausbaut. Mit der Stadtplanung müssen wir die Leute einladen, andere Verkehrsmittel zu nutzen, und für die Menschen muss es intuitiv sein, diese Einladung anzunehmen.
Lena Weinert und Florian Klee betreten das Rathaus und gehen ins Foyer des Stadtplanungsamts. Klee bleibt an einem glasüberdeckten Modell der Stadt Wesseling stehen.
«Die durchschnittliche Ausleihzeit pro Fahrradleihe beträgt etwa 13 Minuten.»
– Florian Klee
Wie viel von dem, was Sie in der Theorie gefordert haben, können Sie hier in der Praxis umsetzen?
Klee: Tatsächlich mehr, als ich gedacht hätte. Aber es geht auch nicht alles. Ich wollte zum Beispiel auf den Hauptfußgängerrouten die Bürgersteige durchgängig ausbauen, sodass Fußgängerinnen und Fußgänger über Straßeneinmündungen hinweg barrierefrei und mit Vorrang gehen können, anstatt die Straße über Bordsteine queren zu müssen. Das hat noch nicht geklappt. Aber sehr schön ist, dass in so einer kleineren Stadt die Entscheidungswege kurz sind. Ich bekomme so schnell Rückmeldung, ob Ideen unterstützt werden. Und mit beispielsweise Fahrradverleihsystem, einer neuen Stellplatzsatzung und einer neuen Busanbindung an den Nachbarort haben wir in den vergangenen zwei Jahren doch schon einiges geschafft.
Wo liegen denn die größten Fallstricke bei der Umsetzung der Mobilitätswende?
Klee: Ganz klar der Personalmangel. Ich könnte mit meinen Aufgaben bestimmt noch zwei weitere Leute beschäftigen. Hinzu kommt die schwierige Finanzlage. Aktuell befindet sich Wesseling in der vorläufigen Haushaltsführung, darf also nur Pflichtaufgaben umsetzen. Und Mobilität gehört nicht zu den Pflichtaufgaben. Außerdem muss man den einen oder anderen immer noch von der Wichtigkeit des Themas überzeugen, insbesondere jene, die nicht täglich zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem ÖPNV unterwegs sind und sich deshalb nur schwer vorstellen können, dass der Ausbau von sicherer und komfortabler Fuß- und Radverkehrsinfrastruktur auch eine erhöhte Nutzung nach sich zieht.
Wodurch zeichnet sich die Verkehrssituation in Wesseling denn aus?
Klee: Grundsätzlich sind wir gar nicht schlecht aufgestellt, was die verschiedenen Verkehrsarten angeht. Mit der Umgestaltung von Rheinpark, -promenade und Innenstadt kann man viele Orte zu Fuß erreichen. Wir sind ans Radverkehrsnetz NRW angeschlossen, alle Stadtteile sind daran angebunden. Über den ÖPNV sind wir mit Köln und Bonn verbunden.
«59 Prozent aller Fahrten von Wesselinger Bürgerinnen und Bürgern werden mit dem Auto zurückgelegt.»
– Florian Klee
Klingt doch nach einer guten Situation für die Mobilitätswende.
Klee: Ja, aber man sieht schon, dass die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg überwiegend für den Autoverkehr gebaut worden ist. Beispielsweise führt die Autobahn mitten durch Wesseling, auch haben wir zum Teil sehr breite Straßen. Die Landstraße zerschneidet das Stadtbild zusätzlich. 59 Prozent aller Fahrten von Wesselinger Bürgerinnen und Bürgern werden mit dem Auto zurückgelegt. Acht Prozent mit dem Rad, 24 Prozent zu Fuß und acht Prozent mit dem ÖPNV. Da haben wir noch Steigerungspotenzial. Als Teil der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte haben wir uns das Ziel gegeben, dass perspektivisch 60 Prozent der Wege in Wesseling zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem ÖPNV zurückgelegt werden.
Wieder draußen gehen die beiden zu einer Fahrradstation, um sich zwei Fahrräder per App auszuleihen. Sie kommen an einigen parkenden Autos vorbei.
Mit welchem Mobilitätskonzept wollen Sie Ihr Ziel, den Anteil an Autofahrten zu verringern, denn erreichen?
Klee: Ein einheitliches Mobilitätsleitbild haben wir leider noch nicht, daran arbeite ich. Momentan müssen wir verschiedene Konzepte – wie das Fahrrad-, das Parkraum- und das Inklusionskonzept – übereinanderlegen. Aber grundsätzlich geht es unter anderem darum, dass jeder Verkehrsträger sein eigenes Wegenetz erhält. Für den Fußverkehr fehlt uns das noch. Wir wollen die einzelnen Mobilitätsarten möglichst voneinander trennen, also etwa keine gemeinsamen Geh- und Radwege mehr vorhalten.
Wie viele Stellplätze fordert die Stadt denn pro Wohnung?
Klee: Seit Oktober 2024 haben wir eine eigene kommunale Stellplatzsatzung, mit der wir uns an dem Muster des Zukunftsnetzes Mobilität NRW orientieren. Pro Wohnung fordern wir – mit Ausnahme von öffentlich gefördertem Wohnraum, dort ist der Wert niedriger – generell nun einen Kfz-Stellplatz, vorher lag der Wert bei Ein- und Zweifamilienhäusern deutlich höher. Der Wert kann um bis zu 30 Prozent reduziert werden, wenn die Wohnung in der Nähe einer Haltestelle liegt oder die Bauherrenschaft besondere Maßnahmen ergreift, zum Beispiel also Carsharing oder Zeitkarten für den ÖPNV anbietet.
Mit dem Rad fahren Lena Weinert und Florian Klee in die Straße „Im Stockental“, einem typischen Wesselinger Wohnquartier und stellen ihre Räder an einer weiteren Leihstation ab.
«In den kommenden zwei Jahren wollen wir alle Bushaltestellen barrierefrei ausbauen.» – Florian Klee
– Florian Klee
Wieso setzen Sie bei der Einbindung der Quartiere vor allem auf Leihfahrräder?
Klee: Die topografischen Voraussetzungen dafür sind gut: Wesseling ist sehr flach, wir haben wenige Hügel. Außerdem ist die Stadt kompakt: Die Stadtteile liegen nah aneinander. Für uns war die Lösung auch deshalb einfach, weil das Leihfahrradsystem eine Initiative auf Landkreisebene war, an der wir uns beteiligen konnten. Die Fahrräder kann man daher auch in den Nachbarkommunen zurückgeben. Der ÖPNV fährt bei uns auch nicht die gesamte Nacht durch, mit den Fahrrädern ist man dann aber trotzdem mobil. Und der Weg zu den Bus- und Bahnhaltestellen, die so genannte erste und letzte Meile, lässt sich hier eben am einfachsten mit dem Rad zurücklegen.
Stehen die Fahrräder dann nicht einfach irgendwo in der Gegend rum?
Klee: Damit wir diesem möglichen Wildwuchs begegnen, haben wir die 16 Leihstationen eingerichtet und engmaschiger gesetzt als vielleicht üblich. Da gewöhnliche Stationen im Grunde nur aus Schild und Bodenmarkierungen bestehen, können wir sie übrigens bei Bedarf auch leicht verlegen. Was die Nutzungszahlen angeht, sind wir jedenfalls sehr zufrieden: Wir hatten 2025 1160 Ausleihen pro Monat, eine Steigerung um 43 Prozent im Vergleich zu 2024. Die durchschnittliche Ausleihzeit pro Fahrradleihe beträgt etwa 13 Minuten. Die Menschen nutzen unsere insgesamt 80 Fahrräder also wohl wirklich für die letzte Meile.
Lena Weinert und Florian Klee begeben sich zu einer Haltestelle der Stadtbahn und steigen dort in den Zug zurück zum Bahnhof.
Und was ist das nächste Projekt?
Klee: In den kommenden zwei Jahren wollen wir alle Bushaltestellen barrierefrei ausbauen.
Was macht denn mehr Spaß: Wie in Ihrer alten Funktion Kommunen zur Mobilitätswende zu beraten oder sie selbst umzusetzen?
Klee: Ganz klar, sie umzusetzen. Das Wissen aus meinem früheren Job hat mir sehr geholfen, er war also keine brotlose Kunst. Aber zu sehen, dass sich das Stadtbild durch neue Mobilitätsangebote verändert, ist einfach eine schöne Sache.
Ähnliche Artikel
- Europäischer Holzbaukongress
S, M, L – Vom Mehrfamilienhaus bis zum Quartier: Holzbau als Chance für bezahlbares Wohnen
Bezahlbarer Wohnraum, steigende Baukosten und die Anforderungen an den Klimaschutz stellen die Wohnungswirtschaft vor große Herausforderungen. Dabei geht es nicht nur um die großen Städte und Ballungsräume. Auch in ländlich geprägten Regionen und am Rand urbaner Zentren besteht Bedarf an zeitgemäßem, bezahlbarem Wohnraum. Gefragt sind Lösungen, die sich an unterschiedliche Standorte und Bedarfe anpassen lassen und zugleich wirtschaftlich und nachhaltig umsetzbar sind. Das Panel „S, M, L – Wohnungsbau in allen Größen“ beim 19. Europäischen Kongress des Forums Holzbau (EBH) in Köln zeigte anhand von drei Praxisbeispielen, welche Möglichkeiten der Holzbau hierfür bietet. Vom kompakten Mehrfamilienhaus bis hin zur Entwicklung eines ganzen Quartiers wurde deutlich, dass serielle Baukonzepte in Holz auch jenseits der urbanen Zentren tragfähige Lösungen für die Wohnraumversorgung bieten.
- EBZ-KlimaCamp 2026
Azubis denken übers Wohnen in Zeiten des Klimawandels nach
Wie bleibt Wohnen bezahlbar, wenn Gebäude klimafreundlicher werden müssen und Städte sich an Hitze, Starkregen und neue ökologische Anforderungen anpassen? Mit dieser Frage beschäftigten sich 43 junge Auszubildende der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft beim fünften EBZ-KlimaCamp vom 17. bis zum 20. August 2026 auf dem EBZ-Campus in Bochum. In Vorträgen, Workshops, Diskussionen und Exkursionen wurde deutlich: Die Transformation der Wohnungswirtschaft entscheidet sich vor allem im Bestand – und sie ist mehr als eine technische Aufgabe. Vier Tage lang ging es darum, Klimaschutz, Klimaanpassung und soziale Fragen zusammenzudenken. Den fachlichen Rahmen setzte Prof. Dr.-Ing. Philip Engelhardt, Professor für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung an der EBZ Business School und wissenschaftlicher Leiter des KlimaCamps. Anhand der Donut-Ökonomie zeigte er auf: „Beim KlimaCamp geht es uns nicht darum, den jungen Menschen fertige Antworten auf die großen Fragen der Wohnungswirtschaft zu präsentieren. Wir wollen ihnen vielmehr zeigen, wie eng ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragen miteinander verbunden sind. Klimaschutz und Klimaanpassung müssen innerhalb ökologischer Grenzen gelingen, ohne dabei bezahlbares Wohnen und soziale Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren.“
- Fachreise
Tour durch vier Länder: Was im Holzbau möglich ist
Einfache Konzepte können zu hervorragenden Konstruktionen führen. Diese Erfahrung machten die Teilnehmenden der Vier-Länder-Holzbau-Exkursion vom 29. Juni bis 2. Juli 2026, die Wald und Holz NRW in Kooperation mit dem VdW Rheinland Westfalen organisierte. Vier Tage, rund 1.500 Kilometer im Bus und einige Stationen in Deutschland und Österreich: Die Fachreise führte Wohnungswirtschaft, Planende und Holzbauinteressierte zu Projekten in Baden-Württemberg, Bayern, Tirol und Vorarlberg. Im Mittelpunkt standen innovative Ansätze für nachhaltigen Wohnungsbau, serielle Fertigung und die Frage, wie mit intelligenter Planung bezahlbarer Wohnraum entstehen kann. Erste Station war das Wohnensemble CARL in Pforzheim. Herzstück des Quartiers ist ein 14-geschossiges Holzhybridhochhaus mit 37 Wohnungen. Besonders beeindruckte die Verbindung aus anspruchsvoller Architektur und einem konsequenten Low-Tech-Ansatz. Natürliche Belüftung, einfache technische Lösungen und klar durchdachte Konstruktionen zeigen, dass hohe Qualität nicht zwingend mit komplexer Gebäudetechnik einhergehen muss. Das Gebäude erfüllt den KfW-55-EE-Standard und kommt ohne Sprinkleranlage aus.
- Projekt 100 Wohngärten
Warum Gärten für Viertel wichtig sind
Ökologisch gestaltete Freiräume in einem Viertel sind mehr als "nice to have". Naturnahe, biodiversitätsfördernde Flächen, gemeinschaftlich entwickelte Angebote oder barrierefreie Sinnesgärten können Nutzung, Begegnung und Teilhabe gezielt fördern – besonders dann, wenn Mieterinnen und Mieter in die Gestaltung einbezogen werden. Das zeigte der vierte Praxis-Workshop der Initiative "100 Wohngärten" von IGA 2027 gGmbH und VdW Rheinland Westfalen anlässlich der Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2027 im Ruhrgebiet. Auf dem Workshop in Gelsenkirchen Mitte April 2026 wurde diskutiert, wie Freiräume in Wohnquartieren Gesundheit und Nachbarschaft beitragen können – und welche Rolle die Wohnungswirtschaft dabei spielt. Die Impulse kamen dabei aus Wissenschaft und Praxis: Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule für Gesundheit Bochum) und Bastian Michael (Stadt Herne) zeigten, wie Freiflächen gezielt als Treiber für Gesundheitsförderung wirken können. Sandra Kesseboom (GEWOBAU Essen) machte anhand konkreter Beispiele deutlich, wie Sinnesgärten, generationenübergreifende Angebote und biodiversitätsfördernde Flächen sozialen Mehrwert im Quartier schaffen – insbesondere auch für vulnerable Gruppen wie Demenz-WGs. Projekte, die alle auch Teil der 100 Wohngärten sind und somit mit einer Urkunde ausgezeichnet wurden.