„Das Bielefelder Modell zukunftssicher machen“
Die Mieterinnen und Mieter können auf einen sozialen Dienstleister in einem Quartier zurückgreifen, zahlen aber nur, wenn sie es auch tun. Das ist Kern des „Bielefelder Modells“, als dessen Erfinder das Wohnungsunternehmen BGW Bielefeld gilt. Oliver Klingelberg leitet das Sozialmanagement der BGW und verrät, wie sich das Modell im Laufe der Zeit verändert hat.
Wann und wie hat das mit dem Bielefelder Modell begonnen? Von wem ging der Kooperationsgedanke aus?
Klingelberg: Das erste Bielefelder Modell wurde 1996 bezogen. Die Konzeption ist dabei die Fortentwicklung einer vorherigen langjährigen Zusammenarbeit in einzelnen Projekten zwischen der BGW und verschiedenen sozialen Trägern. Ausgangspunkt war die Überzeugung, dass die Wohnwünsche von älteren, gegebenenfalls pflegebedürftigen Menschen bzw. von Menschen mit Behinderung sich im Grundsatz nicht von den Wohnwünschen anderer unterscheiden.
Allerdings verändern sich die Anforderungen an das Wohnsetting. Ziel war es also, ein attraktives und bezahlbares Wohnangebot zu schaffen, welches gleichermaßen dem Wunsch nach Selbstbestimmtheit und Privatheit als auch nach Versorgungssicherheit im Falle von gesundheitlichen Einschränkungen und Pflegebedürftigkeit entspricht. Die dafür notwendigen Bausteine sind Barrierefreiheit, ein umfassendes professionelles Versorgungsangebot, das möglichst rund um die Uhr über einen sozialen Dienst direkt im Quartier abrufbar ist, sowie die Stärkung von Selbsthilfepotentialen, Nachbarschaft und Ehrenamt.
Wie viele Modelle in der Art haben Sie inzwischen umgesetzt – und was machen Sie inzwischen anders?
Klingelberg: Aktuell wird das „Bielefelder Modell“ von der BGW in elf Quartieren mit unterschiedlichen Partnern stadtweit umgesetzt. Dabei hat sich die Konzeption stetig weiterentwickelt. So hat beispielsweise die herausragende Bedeutung des Wohncafés als Treffpunkt für die Nachbarschaft und als Ausgangspunkt zahlreicher haupt- und ehrenamtlicher Aktivtäten dazu geführt, dass diese Räume gegenüber früheren Baujahren nun deutlich größer geplant, architektonisch mehr ins Zentrum gerückt und so besser sichtbar geworden sind.
Demgegenüber haben sich die anfänglich noch separat gebauten Pflegebäder als komplett entbehrlich erwiesen. In jüngeren Projekten wurde der Wohnungsfächer um größere „Familienwohnungen“ ergänzt, um auch im Projektkern den generationenübergreifenden Ansatz zu stärken. Die klare Selbstverpflichtung an konzeptionelle Mindeststandards hat aber auch dazu geführt, dass einzelne Quartiere das Label „Bielefelder-Modell-Standort“ wieder verloren haben, wenn wesentliche Aspekte nicht mehr ausreichend gewährleistet sind.
Die ambulanten Pflegedienste, mit denen Sie im Bielefelder Modell auch zusammenarbeiten, werden weniger. Spüren Sie das schon? Und wie gehen Sie damit um?
Klingelberg: Die Dynamiken im Pflegebereich – Stichwort: Fachkräftemangel bei gleichzeitig wachsendem Bedarf, Kostensteigerungen und Pflegereformen – sind auch im Bielefelder Modell angekommen. Mit besonderer Wucht hat uns die Insolvenz des Vereins Alt und Jung getroffen, der in über 40-jähriger Tätigkeit zu einem der größten sozialen Dienstleister stadtweit gewachsen ist und unser Konzept maßgeblich mitgeprägt hat. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern und der Stadt Bielefeld sind wir daher sehr aktiv, das Bielefelder Modell zukunftssicher zu machen. Der Einsatz von Präsenzkräften, die beispielsweise eine hauswirtschaftliche oder soziale Qualifikation haben, stärkt den interdisziplinären Ansatz und hilft, das knappe Gut der examinierten Pflege auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren. Dazu gehören auch Strategien, die das Ehrenamt weiter aktivieren. Zudem gilt es stetig neue Wege zu finden, die umfassende Versorgungssicherheit im Quartier als zentralen Modellbaustein nachhaltig finanziell abzusichern.
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