thema der Wohnungswirtschaft
N°1 – Der perfekte Sturm

Klima- und Umweltschutz

Um dem Klimawandel zu begegnen, müssen Wohnungen und Gebäude CO2 einsparen. Gleichzeitig muss Wohnen bezahlbar bleiben. Klimaschützendes Wohnen darf kein Luxusgut sein.

Quelle: Roland Baege

Unterwegs auf dem CO2-Minderungspfad

Der CO2-Minderungspfad ist auf dem Papier klar definiert – in der Praxis stellt er Wohnungsunternehmen und -genossenschaften vor komplexe Herausforderungen. Prüfungsdirektor Dr. Daniel Ranker und sein Nachhaltigkeitsteam begleiten zahlreiche Mitglieder auf ihrem Weg zu weniger CO2-Emissionen und beraten sie bei strategischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen. Bei zwei Genossenschaften, die Dr. Ranker vor kurzem besuchte, wurde deutlich, was das konkret bedeutet: hohe Investitionen, langfristige Finanzierungsfragen – und die zentrale Herausforderung, Klimaschutz und bezahlbare Mieten miteinander zu vereinbaren. Es ist still unterm Dach, nur ein leises Surren ist zu hören. Wo früher massive Gaskessel standen, arbeiten heute neue Aggregate, sauber verkabelt, digital überwacht. Für die Mettmanner Bauverein eG beginnt der Weg mit solchen Momenten: Wenn alte Technik verschwindet – und mit ihr ein Stück Vergangenheit. Ganz vergessen machen konnte die Genossenschaft ihre Geschichte an der Magdeburger Straße jedoch nicht. Und wollte sie auch nicht: Heute sorgt eine hocheffiziente Wärmepumpe an selber Stelle für die Wärmeversorgung – an jenem Ort, wo Mieterinnen und Mieter, früher wie heute, im Dachstuhl die Wäscheleinen spannen. „Gebaut wurde hier Mitte der 1960er Jahre“, erzählt Vorstandssprecher Thomas Gundlach Dr. Daniel Ranker. „Hängende Gasthermen unterm Dach waren damals keine Seltenheit. Sie sahen aus wie viele größere Etagenheizungen. Die Gasleitungen wurden beim Nachrüsten durch die alten Schächte geführt.“ Gas galt zu dieser Zeit als moderne und platzsparende Alternative zur Kohle. Ein separater Lagerraum für Brennstoffe war nicht mehr nötig, der Schornstein konnte kompakter ausgeführt werden. In vielen älteren Häusern wurde die Kohleheizung in diesen Jahren ebenfalls durch Gas ersetzt. Die Wärmepumpe arbeitet mit einem 1.000 Liter Speicher. Sie entzieht der Luft Wärme und erzeugt Warmwasser. Bei Extremkälte springt eine elektrische Zusatzheizung an.

Quelle: Volker Wiciok

Das Ruhrgebiet blüht auf!

Anlässlich der Internationalen Gartenausstellung (IGA) Metropole Ruhr 2027 startete der VdW Rheinland Westfalen gemeinsam mit der IGA 2027 gGmbH eine Zusammenarbeit unter dem Motto „Grüner Wohnen – Grüne und blaue Infrastruktur an, in und auf Wohngebäuden sowie im Freiraum.“ Ziel ist es, die Wohnungsunternehmen und -genossenschaften des Ruhrgebiets aktiv in den grünen Wandel der Region einzubeziehen und ihre Begrünungskonzepte im Ausstellungsjahr 2027 zu präsentieren. Dass Wohnungsunternehmen und -genossenschaften wichtige Partner in Fragen der Stadt- und Quartiersbegrünung und für mehr Biodiversität sind, stellen sie schon jetzt unter Beweis. Dabei verfolgen sie einen ganzheitlichen Quartiersansatz, der die einzelne Wohnung, das Wohngebäude, das Wohnumfeld und übergeordnete Rahmenbedingungen und Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Energiewende einbezieht: Fassadenbegrünung, biodiverse Quartiere, Wegbegrünung sowie Sinnes- und Klanggärten sind nur einige Bereiche, in denen die Wohnungswirtschaft einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leistet. Das zeigen etwa die Modellprojekte des städtischen Wohnungsbauunternehmens Allbau GmbH in Essen, der Vonovia SE in Bochum-Weitmar, sowie der hwg eG in Hattingen. Aber viele weitere Handlungsfelder wie Urban Farming, Balkon- und Dachbegrünung und Gemeinschaftsgärten sind denkbar.

Quelle: PK-Media Consulting GmbH

S, M, L – Vom Mehrfamilienhaus bis zum Quartier: Holzbau als Chance für bezahlbares Wohnen

Bezahlbarer Wohnraum, steigende Baukosten und die Anforderungen an den Klimaschutz stellen die Wohnungswirtschaft vor große Herausforderungen. Dabei geht es nicht nur um die großen Städte und Ballungsräume. Auch in ländlich geprägten Regionen und am Rand urbaner Zentren besteht Bedarf an zeitgemäßem, bezahlbarem Wohnraum. Gefragt sind Lösungen, die sich an unterschiedliche Standorte und Bedarfe anpassen lassen und zugleich wirtschaftlich und nachhaltig umsetzbar sind. Das Panel „S, M, L – Wohnungsbau in allen Größen“ beim 19. Europäischen Kongress des Forums Holzbau (EBH) in Köln zeigte anhand von drei Praxisbeispielen, welche Möglichkeiten der Holzbau hierfür bietet. Vom kompakten Mehrfamilienhaus bis hin zur Entwicklung eines ganzen Quartiers wurde deutlich, dass serielle Baukonzepte in Holz auch jenseits der urbanen Zentren tragfähige Lösungen für die Wohnraumversorgung bieten.

Quelle: EBZ

Azubis denken übers Wohnen in Zeiten des Klimawandels nach

Wie bleibt Wohnen bezahlbar, wenn Gebäude klimafreundlicher werden müssen und Städte sich an Hitze, Starkregen und neue ökologische Anforderungen anpassen? Mit dieser Frage beschäftigten sich 43 junge Auszubildende der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft beim fünften EBZ-KlimaCamp vom 17. bis zum 20. August 2026 auf dem EBZ-Campus in Bochum. In Vorträgen, Workshops, Diskussionen und Exkursionen wurde deutlich: Die Transformation der Wohnungswirtschaft entscheidet sich vor allem im Bestand – und sie ist mehr als eine technische Aufgabe. Vier Tage lang ging es darum, Klimaschutz, Klimaanpassung und soziale Fragen zusammenzudenken. Den fachlichen Rahmen setzte Prof. Dr.-Ing. Philip Engelhardt, Professor für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung an der EBZ Business School und wissenschaftlicher Leiter des KlimaCamps. Anhand der Donut-Ökonomie zeigte er auf: „Beim KlimaCamp geht es uns nicht darum, den jungen Menschen fertige Antworten auf die großen Fragen der Wohnungswirtschaft zu präsentieren. Wir wollen ihnen vielmehr zeigen, wie eng ökologische, soziale und wirtschaftliche Fragen miteinander verbunden sind. Klimaschutz und Klimaanpassung müssen innerhalb ökologischer Grenzen gelingen, ohne dabei bezahlbares Wohnen und soziale Bedürfnisse aus dem Blick zu verlieren.“

Tour durch vier Länder: Was im Holzbau möglich ist

Einfache Konzepte können zu hervorragenden Konstruktionen führen. Diese Erfahrung machten die Teilnehmenden der Vier-Länder-Holzbau-Exkursion vom 29. Juni bis 2. Juli 2026, die Wald und Holz NRW in Kooperation mit dem VdW Rheinland Westfalen organisierte. Vier Tage, rund 1.500 Kilometer im Bus und einige Stationen in Deutschland und Österreich: Die Fachreise führte Wohnungswirtschaft, Planende und Holzbauinteressierte zu Projekten in Baden-Württemberg, Bayern, Tirol und Vorarlberg. Im Mittelpunkt standen innovative Ansätze für nachhaltigen Wohnungsbau, serielle Fertigung und die Frage, wie mit intelligenter Planung bezahlbarer Wohnraum entstehen kann. Erste Station war das Wohnensemble CARL in Pforzheim. Herzstück des Quartiers ist ein 14-geschossiges Holzhybridhochhaus mit 37 Wohnungen. Besonders beeindruckte die Verbindung aus anspruchsvoller Architektur und einem konsequenten Low-Tech-Ansatz. Natürliche Belüftung, einfache technische Lösungen und klar durchdachte Konstruktionen zeigen, dass hohe Qualität nicht zwingend mit komplexer Gebäudetechnik einhergehen muss. Das Gebäude erfüllt den KfW-55-EE-Standard und kommt ohne Sprinkleranlage aus.

Quelle: VdW Rheinland Westfalen

Warum Gärten für Viertel wichtig sind

Ökologisch gestaltete Freiräume in einem Viertel sind mehr als "nice to have". Naturnahe, biodiversitätsfördernde Flächen, gemeinschaftlich entwickelte Angebote oder barrierefreie Sinnesgärten können Nutzung, Begegnung und Teilhabe gezielt fördern – besonders dann, wenn Mieterinnen und Mieter in die Gestaltung einbezogen werden. Das zeigte der vierte Praxis-Workshop der Initiative "100 Wohngärten" von IGA 2027 gGmbH und VdW Rheinland Westfalen anlässlich der Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2027 im Ruhrgebiet. Auf dem Workshop in Gelsenkirchen Mitte April 2026 wurde diskutiert, wie Freiräume in Wohnquartieren Gesundheit und Nachbarschaft beitragen können – und welche Rolle die Wohnungswirtschaft dabei spielt. Die Impulse kamen dabei aus Wissenschaft und Praxis: Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule für Gesundheit Bochum) und Bastian Michael (Stadt Herne) zeigten, wie Freiflächen gezielt als Treiber für Gesundheitsförderung wirken können. Sandra Kesseboom (GEWOBAU Essen) machte anhand konkreter Beispiele deutlich, wie Sinnesgärten, generationenübergreifende Angebote und biodiversitätsfördernde Flächen sozialen Mehrwert im Quartier schaffen – insbesondere auch für vulnerable Gruppen wie Demenz-WGs. Projekte, die alle auch Teil der 100 Wohngärten sind und somit mit einer Urkunde ausgezeichnet wurden.

Quelle: Walter Vorjohann/IW.2050

Mut zur Lücke

Der Weg zur CO2-Null ist ein Wettlauf gegen Zeit und Geld. Für die meisten sozial orientierten Wohnungsunternehmen lässt sich die finanzielle Lücke selbst mit einem Umschwenken auf den CO2-Praxispfad nicht schließen, jedoch immerhin verkleinern. Das Benchmarking der Initiative Wohnen.2050 (IW.2050) umfasst neben vielen Daten zu Klimaschutz und Energie auch eine stetig wachsende Zahl betriebswirtschaftlicher Daten. Seit 2025 im besonderen Fokus der Erhebungen: die Finanzierbarkeit der Klimaneutralität. Wie lassen sich die Klimaziele realisieren – ohne dass sozial orientierte Wohnungsunternehmen wirtschaftlich in eine absolute Schieflage geraten? Das Umfeld für die Unternehmen ist komplex. Der Zielkonflikt zwischen bezahlbaren Mieten, Ökologie und Wirtschaftlichkeit verschärft sich. Besonders das wirtschaftliche Umfeld der Wohnungsunternehmen bleibt – mit Blick auf Zinsen, Baukosten, Bürokratie und ordnungspolitische Eingriffe – sehr herausfordernd. Die Bezahlbarkeit der Mieten und der Erhalt der finanziellen Stabilität im Kontext der Umsetzung von Klimastrategien werden intensiv und kontrovers diskutiert.

Quelle: Roland Baege

Der politische Weg zur Klimaneutralität

Mit dem Klimaschutzgesetz hat sich Deutschland das Ziel auf die Fahne geschrieben, bis 2045 Netto-Treibhausgasneutralität zu erreichen, fünf Jahre früher als es die Europäische Union für ihre Mitgliedsstaaten zur Erreichung des Pariser Klimaabkommens festgelegt hat. Die politischen Vorgaben zum Erreichen der Klimaneutralität kommen somit primär von europäischer und Bundesebene, obwohl auch Länder und Kommunen entsprechende Regelungen treffen können. Und sie adressieren alle Sektoren, insbesondere auch den Gebäudesektor, der für rund 30 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich ist. Im Wesentlichen finden sich die Vorgaben für den Gebäudesektor in Deutschland aktuell im Gebäudeenergiegesetz (GEG), dessen Ziel es ist, „einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der nationalen Klimaschutzziele zu leisten. Dies soll durch wirtschaftliche, sozialverträgliche und effizienzsteigernde Maßnahmen zur Einsparung von Treibhausgasemissionen sowie der zunehmenden Nutzung von erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme für die Energieversorgung von Gebäuden erreicht werden.“ (§ 1 GEG).